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Die Waldfrau. 121
Schläge erſparte. Der Winter kam mählich heran, die Tiere
blieben im Stall. Eines Tages ſaßen die Kinder am Kamin⸗
feuer in der Knechtſtube. Sie waren allein.
Du denkſt noch immer an Schatz und Spruch? ſagte Hadu⸗
moth. Da zog ſie Audifax geheimnisvoll zu ſich: Der heilige
Mann hat doch den rechten Gott! ſprach er.
Warum? frug Hadumoth.
Er ging in ſeine Kammer hinüber; im Stroh ſeines Lagers
hatte er allerhand Geſtein untergebracht, er griff einen heraus
und brachte ihn herüber: Schau an! ſprach er. Es war ein
glimmeriger grauer Schieferſtein, er umſchloß die Reſte eines
Fiſches, in zartem Umriß waren Haupt, Floſſen und Gräten
dem Schiefer eingedrückt. Den hab ich drüben am Schiener
Berg ¹²³) mitgenommen, da ich die Ziege ſuchen ging. Der
muß von der Flut ſein, von der der Vater Vincentius einmal
gepredigt hat, und die Flut hat der Herr des Himmels und
der Erde über die Welt gehen laſſen, da er den Noah das große
Schiff bauen hieß, davon weiß die Waldfrau nichts.
Hadumoth wurde nachdenklich: Dann iſt die Waldfrau ſchuld,
daß uns die Sterne nicht in Schoß gefallen ſind, wir wollen
ſie beim heiligen Mann verklagen.
Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm, was
in jener Nacht auf dem Hohenkrähen vorgegangen. Er hörte ſie
freundlich an. Des Abends erzählte er's der Herzogin. Frau
Hadwig lächelte.
Sie haben einen ſeltſamen Geſchmack, meine treuen Unter⸗
tanen, ſprach ſie. Überall ſind ihnen ſchmucke Kirchen gebaut,
ſanft und eindringlich wird das Wort Gottes verkündet, ſtatt⸗
licher Geſang, große Feſte, Bittgänge mit Kreuz und Fahnen
durch wogendes Kornfeld und Flur, — und doch iſt's nicht
genug. Da müſſen ſie noch in kalter Nacht auf ihren Berg⸗
gipfeln ſitzen und wiſſen ſelber nicht, was ſie dort treiben, außer
daß Bier getrunken wird. Wir kennen das? Was haltet Ihr
von der Sache, frommer Ekkehard?
Aberglaube! ſprach der Gefragte, den der böſe Feind noch
immer in abtrünnige Gemüter ſäet. Ich hab in unſern Büchern
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