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124 Neuntes Kapitel.
daß der eine wahre Glaube ſei auf der Welt und die eine Mil⸗
digkeit der Werke, anzubeten den dreieinigen Gott, gehen noch
Weisſager umher und Traumdeuter und Traumſcheider und
Liederſetzer und Rätſellöſer, vor allem aber ſind unter den
Töchtern Evas die Anhängerinnen ſolcher Künſte zu ſuchen..
Ihr werdet artig, unterbrach ihn Frau Hadwig —
Denn der Frauen Gemüt, fuhr Ekkehard fort, iſt allzeit neu⸗
gieriger Erforſchung und Ausübung verbotener Dinge zuge⸗
wendet. Wenn wir mit Leſung des Virgilius fortſchreiten,
werdet Ihr den Ausbund der Zauberei in Geſtalt des Weibes
Circe angedeutet ſehen, die auf unzugänglichem Vorgebirg ſin⸗
gend hauſt; lieblich duftender Span von Zedernholz erleuchtet
die dunkeln Gemächer, mit fleißigem Weberſchifflein webt ſie
viel zartes Gezeug, aber draußen im Hof tönt ſeufzendes Knur⸗
ren von Löwen und Wölfen und der Schweine Gegrunz, die
ſie alle aus Menſchen durch zaubriſchen Trunk in der Tiere
Geſtalt verwandelt...
Ihr ſprechet ja wie ein Buch, ſagte die Herzogin ſpitz. Ihr
ſollet Eure Wiſſenſchaft von der Zauberei weiter bilden. Reitet
denn auf den hohen Krähen hinüber und unterſuchet, ob die
Waldfrau eine Circe, und regieret in unſerem Namen, wir ſind
neugierig, was Eure Weisheit ordnet.
Es iſt nicht meine Wiſſenſchaft, erwiderte er ausweichend,
wie man die Völker regiert und die Dinge der Welt gebietend
ſchlichtet.
Das findet ſich, ſprach Frau Hadwig, es hat noch ſelten
einen in Verlegenheit gebracht, am wenigſten einen Sohn der
Kirche.
Ekkehard fügte ſich. Der Auftrag war ihm ein Beweis von
Vertrauen. Andern Morgens ritt er nach dem hohen Krähen.
Den Audifax nahm er mit, daß er ihm den Weg zeige. Glück⸗
liche Reiſe, Herr Reichskanzler! rief ihm eine lachende Stimme
nach. Es war Praxedis.
Bald kamen ſie vor der Waldfrau Behauſung. Auf einem
Vorſprung, in halber Höhe des ſteilen Felſens, ſtand ihre
ſteinerne Hütte, mächtige Eich⸗ und Buchſtämme breiteten ihre
AÄſte drüber und verdeckten den ragenden Gipfel des hohen
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