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128 Neeuntes Kapitel.
Alte, Euer einer weiß das auch. Es ſtünd' ſchlimm um kranke
Menſchen und krankes Tier und ſchlimm um Abwehr nächtiger
Unholde und Stillung liebender Sehnſucht, wenn keine Kräu⸗
ter wären.
Und Ihr ſeid getauft? fuhr Ekkehard ungeduldig fort.
Sie werden mich auch getauft haben..
Und wenn Ihr getauft ſeid, rief er mit erhobener Stimme,
und dem Teufel verſagt habt und allen ſeinen Werken und allen
ſeinen Gezierden, was ſoll das? Er deutete mit ſeinem Stab
nach den Pferdeſchädeln an der Wand und ſtieß einen heftig an,
daß er herunterfiel und in Stücke brach: die weißen Zähne
rollten auf dem Fußboden umher.
Der Schädel eines Roſſes, antwortete die Alte gelaſſen,
den Ihr jetzt zertrümmert habt. Es war ein junges Tier, Ihr
könnt's am Gebiß noch ſehen.
Und der Roſſe Fleiſch ſchmeckt Euch? frug Ekkehard.
Es iſt kein unrein Tier, ſagte die Waldfrau, und ſein Genuß
nicht verboten.
Weib! rief Ekkehard und trat hart vor ſie hin — du treibſt
Zauberkunſt und Hexenwerk!
Da ſtand die Alte auf. Ihre Stirn runzelte ſich, unheimlich
glänzten die grauen Augen. Ihr tragt ein geiſtlich Gewand,
ſprach ſie, Ihr möget mir das ſagen. Gegen Euch hat eine alte
Waldfrau kein Recht. Es heißt ſonſt, das ſei ein groß Schelt⸗
wort, was Ihr mir ins Antlitz geworfen, und das Landrecht
büßt den Schelter.129)
Audifax war indes ſcheu an der Tür geſtanden. Da kam
der Waldfrau Rabe auf ihn zugehüpft, ſo daß er ſich fürchtete;
er lief zu Ekkehard hin. Am Herde ſah er den behauenen
Stein. An einem Stein herumzuſpüren, hätte ihn auch die
Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten. Er hob das Ge⸗
wand, das drüber gebreitet war. Verwitterte Geſtalten kamen
zum Vorſchein.
Ekkehard lenkte ſeinen Blick darauf.
Es war ein römiſcher Altar. Kohorten, die fern aus üppigem
aſiſchem Standlager des allmächtigen Kriegsherrn Gebot an
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