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Die Waldfrau. 129
den unwirtlichen Bodenſee verſetzt, mochten ihn einſt in dieſen
Höhen aufgeſtellt haben — ein Jüngling in fliegendem Man⸗
tel und phrygiſcher Mütze kniete auf einem niedergeworfenen
Stier: der perſiſche Lichtgott Mithras, an den der ſinkende
Römerglaube neue Hoffnung anknüpfte, als das andere abge⸗
nutzt war.
Eine Inſchrift war nicht ſichtbar. Lang ſchaute ihn Ekkehard
an, ſein Aug' hatte außer der güldenen Veſpaſianusmünze, die
Untergebene des Kloſters einſt im Torfmoos bei Rapperswyl
gefunden, und etlichen geſchnittenen Steinen im Kirchenſchatz
noch kein Bildwerk des Altertums erſchaut, aber er ahnte an
Form und Bildung den ſtummen Zeugen einer vergangenen
Welt. L
Woher der Stein? frug er.
Ich bin genug gefragt, ſagte die Waldfrau trotzig, ſchafft
Euch ſelber Antwort.
. . Der Stein hätte auch mancherlei antworten können, wenn
Steine Zungen hätten. Es haftet ein gut Teil Geſchichte an
ſolch verwittertem Gebild. Was lehrt es? Daß der Menſchen
Geſchlechter kommen und zergehen wie die Blätter, die der
Fruühling bringt und der Herbſt verweht, und daß ihr Denken
und Tun nur eine Spanne weit reicht; dann kommen andere
und reden in andern Zungen und ſchaffen in andern Formen;
Heiliges wird geächtet, Geächtetes heilig, neue Götter ſteigen
auf den Thron: wohl ihnen, wenn er nicht über allzuviel
Opfern ſich aufrichtet..
Ekkehard deutete das Daſein des Römerſteins in der Wald⸗
frau Hütte anders.
Den Mann auf dem Stier betet Ihr an, rief er heftig.
Die Waldfrau griff einen Stab, der am Herde ſtand, nahm
ein Meſſer und ſchnitt zwei Kerbſchnitte hinein: Die zweite
Beſchimpfung, die Ihr mir antut! ſprach ſie dumpf. Was
haben wir mit dem Steinbild zu ſchaffen?
So redet, ſagte der Mönch, wie kommt der Stein in Eure
Hütte?
Weil er uns gedauert hat, ſagte die Waldfrau. Das mögt
Scheffel. v/VI. 9
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