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Weihnachten. 139
den verkörperten Begriff der Hoheit, denn als Frau. Daß
Hohes Anbetung fordert, war ihm nicht eingefallen, noch weni⸗
ger, daß auch die höchſte Erſcheinung oft mit einfacher Liebe
zufrieden iſt. Frau Hadwigs üble Laune nahm er wahr. Er
begnügte ſich, ſeine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz
niederzulegen, daß der Umgang mit einer Herzogin ſchwieriger
ſei als der mit Ordensbrüdern nach der Regel des heiligen
Benedikt. Aus Vincentius' nachgelaſſenen Büchern ſtudierte er
die Briefe des Apoſtels Paulus. Herr Spazzo ging in jener
Zeit hochmütiger an ihm vorüber denn früher.
Frau Hadwig fand, daß es beſſer ſei, ins frühere Geleis rück⸗
zukehren. Es war doch ein mächtiger Anblick, ſprach ſie eines
Tages zu Ekkehard, wie wir vom hohen Krähen nach den
Schneegebirgen ſchauten. Kennt Ihr aber das Hohentwieler
Wetterzeichen? Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel
ſich abzeichnen, ſchlägt die Witterung um. Es ſind wirklich
ſchlechte Tage darauf gefolgt. Wir wollen wieder Virgilius
leſen.
Da holte Ekkehard vergnügt ſeinen ſchweren metallbeſchla⸗
genen Virgilius, und ſie ſetzten die Studien fort. Er erklärte
den Frauen der Äneide zweites Buch, den Fall der hohen Troja,
das hölzerne Pferd und Sinons Liſt und Laokoons bittres Ver⸗
derben, den nächtlichen Kampf, Kaſſandras Geſchick und Pria⸗
mus' Tod, die Flucht mit dem greiſen Anchiſes.
Mit ſichtbarer Teilnahme lauſchte Frau Hadwig der ſpan⸗
nenden Erzählung. Nur mit dem Verſchwinden von Aneas'
Ehegemahlin Kreuſa war ſie nicht ganz zufrieden. Das braucht
er vor der Königin Dido nicht ſo breit zu erzählen, ſprach ſie,
die Lebende hat ſicher nicht gern gehört, daß er der Entſchwun⸗
denen ſo lange nachgelaufen. Verloren iſt verloren.
Indeſſen zog der Winter mit ſcharfem Schritt heran. Der
Himmel blieb trüb und bleigrau, die Ferne verhüllt; erſt zogen
die Berggipfel rings die weiße Schneedecke um, dann folgte
Feld und Tal dem Beiſpiel. Junge Eiszapfen prüften das Ge⸗
bälke unter dem Dach, ob ſie ſich für etliche Monate ungeſtört
dran niederlaſſen möchten; die alte Linde im Schloßhof hatte
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