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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0142
Weihnachten. 141

und köſtliche Tinte. Jener tat's. Ekkehard aber ſaß manches
Stündlein der Nacht in ſeiner Turmſtube und beſann ſich auf
ein lateiniſches Reimwerk, das er der Herzogin widmen wollte
— und ſollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht
werden. Es ging aber nicht ſo leicht.
Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Er⸗
ſchaffung der Welt bis auf Antritt des Herzogtums in Schwa⸗
benland durch Frau Hadwig gelangen, aber es hatte ein paar
Hundert Hexameter gekoſtet, da war er noch nicht beim König
David angelangt, und das Werk hätte wohl erſt Weihnachten
über drei Jahre fertig werden können. Ein anderesmal wollte
er alle Frauen aufzählen, die durch Kraft oder Liebreiz in der
Völker Geſchichte eingegriffen, von der Königin Semiramis
an mit Erwähnung der amazoniſchen Jungfrauen, der helden⸗
mütigen Judith und der melodiſchen Sängerin Sappho, aber zu
ſeinem Leidweſen fand er, daß, bis ſein Griffel zu Frau Hadwig
ſich durchgearbeitet hätte, er unmöglich noch etwas Neues zu
deren Lob und Preis vorzubringen vermöchte. Da ging er ſehr
betrübt und niedergeſchlagen umher.
Habt Ihr eine Spinne verſchluckt, Perle aller Profeſſoren?
frug ihn Praxedis einmal, wie ſie dem Verſtörten begegnete.
Ihr habt gut ſcherzen, ſprach Ekkehard traurig, — und unter
dem Siegel der Verſchwiegenheit klagte er ihr ſeine Not. Pra⸗
xedis mußte lachen:
Bei den ſechsunddreißigtauſend Bänden der Bibliothek zu
Konſtantinopolis! ſagte ſie, — Ihr wollet ja ganze Wälder
umhauen, wo es nur ein paar Blümlein zum Strauß erfordert.
Macht's einfach, ungelehrt, lieblich — wie es Euer geliebter
Virgilius ausgedacht hätte! — Sie ſprang davon.
Ekkehard ſetzte ſich wieder auf ſeine Stube. Wie Virgil?
dachte er. Aber in der ganzen AÄAneide war kein Beiſpiel für
ſolchen Fall vorgezeichnet. Er las etliche Geſänge. Dann ſaß
er träumeriſch da. Da kam ihm ein guter Gedanke. Ich hab's!
rief er, der teure Sänger ſelber ſoll die Huldigung darbringen!
Er ſchrieb das Gedicht nieder, als wenn Virgilius ihm in ſeiner
Turmeinſamkeit erſchienen wäre, freudig darüber, daß in deut⸗


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