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144 Zehntes Kapitel.
Ton; das Antlitz treu abgebildet und wer weiß, ob wir in
fürſtlicher Gnade Euch nicht zum Patriarchen von Konſtantino⸗
pel ernannt hätten.
Es wurden Schritte hörbar. Schnell riß Praxedis den Man⸗
tel von den Schultern, daß er auf den Arm niederſank. Schon
ſtand die Herzogin vor den beiden.
Wollt Ihr wieder Griechiſch lernen? ſprach ſie vorwurfsvoll
zu Ekkehard.
Ich hab' ihm den edeln Sardonyx an meiner Herrin Mantel
Agraffe gezeigt; es iſt ſo ein feingeſchnittener Kopf, ſagte Pra⸗
xedis, Herr Ekkehard verſteht ſich aufs Altertum. Er hat das
Antlitz recht gelobt...
Auch Audifax traf ſeine Vorbereitungen für Weihnachten.
Seine Hoffnung auf Schätze war ſehr geſchwunden. Er hielt
ſich jetzt an das wirklich Vorhandene. Darum ſtieg er oft nächt⸗
lich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach, die mit trägem
Lauf dem See entgegenſchleicht. Beim morſchen Steg ſtand
ein hohler Weidenbaum. Dort lauerte Audifax manches Stünd⸗
lein, den erhobenen Rebſtecken nach des Baumes Offnung ge⸗
richtet. Er ſtellte einem Fiſchotter nach. Aber keinem Denker
iſt die Erforſchung der letzten Gründe alles Seins ſo ſchwierig
geworden, wie dem Hirtenknaben ſeine Otterjagd. Denn aus
dem hohlen Ufer zogen ſich noch allerhand Ausgänge in den
Fluß, die der Otter wußte, Audifax nicht. Und wenn Audifax,
oft vor Kälte zitternd, ſprach: itzt muß er kommen! ſo kam
weit ſtromaufwärts ein Gebrauſe hergetönt, das war ſein
Freund, der dort die Schnauze übers Waſſer ſtreckte und Atem
holte; und wenn Audifax leiſe dem Ton nachſchlich, hatte ſich
der Otter inzwiſchen auf den Rücken gelegt und ließ ſich ge⸗
mächlich ſtromab treiben...
In der hohentwieler Küche war Leben und Bewegung, wie
im Zelt des Feldherrn am Vorabend der Schlacht. Frau Had⸗
wig ſelbſt ſtand unter den dienenden Mägden, ſie trug keinen
Herzogsmantel, wohl aber einen weißen Schurz, teilte Mehl
und Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an. Pra⸗
xedis miſchte Ingwer, Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs.
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