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Weihnachten. 145
Was nehmen wir für eine Form? frug ſie. Das Viereck mit
den Schlangen.
Das große Herz ¹¹²⁸2) iſt ſchöner, ſprach Frau Hadwig. Da
wurden die Weihnachtslebkuchen in der Herzform gebacken, den
ſchönſten ſpickte Frau Hadwig eigenhändig mit Mandeln und
Kardamomen.
Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Küche und
ſuchte ſich ein Plätzlein am Herdfeuer; ſeine Lippen zitterten
wie in Fieberſchauer, aber er war wohlgemut und freudig.
Rüſte dich, Büblein, ſprach Praxedis zu ihm, du mußt heut
nachmittag hinüber in den Wald und ein Tännlein hauen.
Das iſt nicht meines Amtes, ſprach Audifax ſtolz, ich will's
aber tun, wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut.
Was befiehlt der Herr Ziegenhirt? fragte Praxedis.
Audifax ſprang hinaus, dann kam er wieder und hielt einen
dunkelbraunen Balg ſiegesfroh in die Höhe, das kurze glatte
Haar glänzte daran, dicht und weich war's anzufühlen.
Woher das Rauchwerk? fragte Praxedis.
Selbſt gefangen, ſprach Audifax und ſah wohlgefällig auf
ſeine Beute. Ihr ſollt eine Pelzhaube für die Hadumoth dar⸗
aus machen. G
Die Griechin war ihm wohlgeſinnt und verſprach Erfüllung
der Bitte. G
Der Weihnachtsbaum war gefällt; ſie ſchmückten ihn mit
Apfeln und Lichtlein, die Herzogin richtete alles im großen
Saal. Ein Mann von Stein am Rhein kam herüber und
brachte einen Korb, der mit Leinwand zugenäht war. Es ſei
von Sankt Gallen, ſprach er, für Herrn Ekkehard. Frau Had⸗
wig ließ den Korb uneröffnet zu den andern Gaben ſtellen.
Der heilige Abend war gekommen. Die geſamten Inſaſſen
der Burg verſammelten ſich in feſtlichem Gewand, zwiſchen
Herrſchaft und Geſind ſollte heut keine Trennung ſein. Ekke⸗
hard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt,
dann gingen ſie paarweiſe in den großen Saal hinüber, da
flammte heller Lichtglanz, und feſtlich leuchtete der dunkle Tan⸗
nenbaum — als die letzten traten Audifax und Hadumoth ein,
Scheffel. V/VI. 10
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