http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0149
148 Zehntes Kapitel.
Das verbitt' ich mir, rief Praxedis eifrig. Es ſoll niemand
meinen, daß..
Gut, ſprach Frau Hadwig mit Schweigen gebietendem Ton.
Sie rollte Ekkehards Pergament auf. Die Malerei am Anfang
war leidlich gelungen, Zweifel über deren Bedeutung beſeitigte
die Darüberſchreibung der Namen Hadwigis, Virgilius, Ekke⸗
hard. Eine kühne Initiale mit verſchlungenem goldenen Geäſte
eröffnete die Schrift.
Die Herzogin war höchlich erfreut. Ekkehard hatte ſeither
über den Beſitz ſolcher Kunſt nichts verlauten laſſen. Praxedis
ſchaute nach dem purpurnen Mantel, den die gemalte Herzogin
trug, und lächelte, als wüßte ſie was Beſonderes.
Frau Hadwig winkte, daß Ekkehard ſein Geſchriebenes vor⸗
leſe und erkläre. Er las.
Verdeutſcht lautet's alſo:
In nächt'ger Stille ſaß ich jüngſt allein
Und ziffert' an den Schriften alter Zeit,
Da flammte hell ein geiſterhafter Schein
In mein Gemach. 's war nicht des Mondes Licht, —
Und vor mich trat ein leuchtend Menſchenbild,
Unſterblich Lächeln ſchwebt' um ſeinen Mund,
In dunkler Fülle wallte das Gelock,
Als Diadem trug er den Lorbeerkranz.
Hindeutend auf das aufgeſchlagne Buch,
Sprach er zu mir: Sei guten Muts, mein Freund,
Ich bin kein Geiſt, der deinen Frieden ſtört, G
Ich bringe dir nur Gruß und Segenswunſch.
Was toter Buchſtab dort dir noch erzählt,
Das ſchrieb ich ſelbſt mit warmem Herzblut einſt:
Der Troer Waffen, des AÄneas Fahrt,
Der Götter Zorn, der ſtolzen Rom Beginn.
Schon ein Jahrtauſend ſchier iſt abgerollt,
Der Sänger ſtarb, es ſtarb ſein ganzes Volk.
Still iſt mein Grab. Nur ſelten dringt ein Klang
Zu mir herab von froher Winzer Feſt,
Vom Wogenſchlag am nahen Kap Miſen.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0149