http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0150
Weihnachten. 149
Doch jüngſt hat mich der Nordwind aufgeſtört,
Er brachte Kunde, daß in fremden Gaun
Man des Aneas Schickſal wieder lieſt,
Daß eine Fürſtin, ſtolz und hochgemut,
Des Landes Sprache als ein neu Gewand
Um meine Worte gnädig ſchmiegen heißt.
Wir glaubten einſt, am Fuß der Alpen ſei
Nur Sumpf des Rheins und ein barbariſch Volk,
Jetzt hat die Heimat ſelber uns vergeſſen
Und bei den Fremden leben neu wir auf.
Deß Euch zu danken bin ich heute hier:
Das höchſte Kleinod, was dem Sänger wird,
Iſt Anerkennung einer hohen Frau.
Heil deiner Herrin, der das ſeltne Gut
Der Stärke und der Weisheit ward beſchert,
Die gleich Minerva in der Götter Reihn,
In Erz gerüſtet eine Kriegerin,
Der Friedenskünſte Hort und Schutz zugleich.
Noch lange Jahre mög' ihr Zepter walten,
Es blüh' um ſie ein ſtark und ſittig Volk,
Und kommt Euch einſt ein fremd Getön gerauſcht,
Wie Heldenlied und fernes Saitenſpiel,
Dann denket mein, es grüßt Italia Euch,
Es grüßt Virgil den Fels von Hohentwiel.
Er ſprach's und winkte freundlich und verſchwand.
Ich aber ſchrieb noch in derſelben Nacht,
Was er geſprochen. Meiner Herrin ſei's
Als Feſtgeſchenk itzt ſchüchtern dargebracht
Von ihrem treuen Dienſtmann Ekkehard.
Eine kurze Pauſe erhob ſich, als er die Leſung ſeines Ge⸗
dichts beendet. Dann trat die Herzogin auf ihn zu und reichte
ihm die Hand. Ekkehard, ich danke Euch! ſprach ſie; es waren
dieſelben Worte, die ſie einſt im Kloſterhof zu Sankt Gallen
zu ihm geſprochen, aber der Ton war noch milder wie damals,
und der Blick war ſtrahlend und ihr Lächeln wunderſam wie
das zaubervoller Feyen, von dem die Sage geht, ein Schneeregen
blühender Roſen müſſe drauf folgen.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0150