http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0152
Weihnachten. 151
Frau Hadwig wandte ihren Blick in ſcheinbarer Gleich⸗
giltigkeit. Praxedis hielt die Schale ans Lampenlicht: ſtatt
in ſeltſame Schlacken zu ſplittern, war das Blei zuſammen⸗
hängend geblieben, ein länglich zugeſpitzter Tropfen. Matt
glänzte es in Frau Hadwigs Hand.
Das iſt wiederum ein Rätſel, bis die Löſung kommt, ſcherzte
Praxedis. Die Zukunft ſieht ja für diesmal faſt aus wie ein
Tannenzapfen.
Wie eine Träne! ſprach die Herzogin ernſt und ſtützte ihr
Haupt auf die Rechte ¹³⁸3).
Lauter Lärm im Erdgeſchoß der Burg unterbrach das wei⸗
tere Prüfen der Vorbedeutung; Gekicher und Aufſchrei der die⸗
nenden Mägde, rauhes Gebrumm männlicher Stimmen, ſchril⸗
ler Lautenſchlag: ſo tönte es verworren den Gang herauf; ehr⸗
erbietig und ſchutzflehend hielt der fliehende Schwarm der Die⸗
nerinnen an des Saales Schwelle, die lange Friderun unter⸗
drückte mühſam ein lautes Schelten, die junge Hadumoth weinte
— tappend kam eine Geſtalt hinter ihnen drein, ſchwerfälligen
zweibeinigen Schritts, in rauhe Bärenhaut gehüllt, eine be⸗
malte hölzerne Maske mit namhafter Schnauze vor dem Ant⸗
litz; ſie brummte und murrte wie ein hungriger Braun, der auf
Beute ausgeht, und tat dann und wann einen ungefügen Griff
in die Laute, die an rotem Band über die zottigen Schultern
gehängt war — aber wie des Weihnachtſaals Türe ſich auf⸗
tat und der Herzogin Gewand entgegenrauſchte, machte der
nächtliche Spuk Kehrt und polterte langſam durch den dröhnen⸗
den Gang zurück.
Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer Ge⸗
bieterin vor, daß ſie fröhlich unten geſeſſen und ſich der Weih⸗
nachtgaben erfreut, da ſei das Ungetüm eingebrochen und habe
erſt zum eigenen Lautenſpiel einen feinen Tanz aufgeführt,
hernach aber die Lichter ausgeblaſen und die erſchrockenen Mai⸗
den mit Kuß und Umarmung bedroht und ſei ſo wild und un⸗
erſättlich geworden, daß es ſie alle zur Flucht genötigt; dem
rauhen Lachen des Bären aber ſei mit Grund zu entnehmen,
daß unter der Wildſchur Herr Spazzo, der Kämmerer, verbor⸗
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0152