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152² Elftes Kapitel.
gen ſtecke, der nach einem ſcharfen Weintrunk hiemit ſein Weih⸗
nachtsvergnügen beſchloſſen.
Frau Hadwig beruhigte den Unwillen des Geſindes und hieß
ſie ſchlafen gehen. Vom Hofe aber tönte noch einmal verwun⸗
derter Aufruf; alle ſtanden in einer Gruppe beiſammen und
ſchauten unverrückt auf den Turm, denn der ſchreckhafte Bär
war hinaufgeſtiegen und erging ſich jetzo auf den Zinnen der
Warte und reckte ſein ſtruppiges Haupt nach den Sternen, als
wolle er ſeinem Namensgenoſſen droben, dem großen Bären,
einen Gruß hinüberwinken ins Unermeßliche.
Die dunkle Vermummung hob ſich in deutlichem Umriß vom
fahlen glanzerhellten Himmelsgrunde, geſpenſtig klang ihr
Brummen in die ſchweigende Nacht; doch keinem der Sterb⸗
lichen ward kund, was die leuchtenden Geſtirne dem weinſchwe⸗
ren Haupte Herrn Spazzo, des Kämmerers, geoffenbart...
Um dieſelbe Mitternachtſtunde kniete Ekkehard vor dem Altar
der Burgkapelle und ſang leiſe die Hymnen der Chriſtmette ¹⁸4),
wie es die Übung der Kirche vorſchrieb.
Elftes Kapitel.
Der Alte in der Heidenhöhle.
Der Reſt des Winters ging auf dem hohen Twiel einförmig,
darum ſchnell vorüber. Sie beteten und arbeiteten, laſen Virgil
und ſtudierten Grammatik, wie es die Zeit brachte. Frau Had⸗
wig ſtellte keine verfänglichen Fragen mehr.
In der Faſchingszeit kamen die benachbarten Großen, der
Herzogin ihren Beſuch abzuſtatten, die von der Nellenburg und
von Veringen, der alte Graf im Argengau mit ſeinen Töchtern,
die ſieben Welfen von Ravensburg überm See und manch an⸗
derer ¹35). Da wurde viel geſchmauſt und noch mehr getrun⸗
ken.
Dann ward's wieder einſam oben.
Der März kam heran, ſchwere Stürme ſauſten übers Land,
in der erſten klaren Sternennacht ſtand ein Komet am Him⸗
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