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172 Zwölftes Kapitel.
macht, daß ihnen ein Kriegszug nicht als löbliche Abwechſtung
erſchienen wäre.
An einen Apfelbaum gelehnt ſtand Rudimann, der Keller⸗
meiſter, bedenkliche Falten auf der Stirn. Ekkehard erſah ihn,
ſchritt auf ihn zu und wollte ihn umarmen als Zeichen, daß
gemeinſame Not alten Zwiſt ausebne. Rudimann aber winkte
ihm ab: Ich weiß, was Ihr wollet! — Aus dem Saum ſeiner
Kutte zog er einen groben härenen Faden, warf ihn auf Erde
und trat darauf: Solang ein hunniſch Roß die deutſche Erde
ſtampft, ſprach er, ſoll alle Feindſchaft aus meinem Herzen
geriſſen ſein wie dieſer Faden aus meinem Gewand ¹⁵9); über⸗
leben wir den Streit, ſo mag's wieder eingefädelt werden, wie
ſich's geziemt!
Er wandte ſich und ſchritt nach ſeinem Keller zu wichtiger
Arbeit. In Reih und Glied lagen dort den hochgewölbten
Raum entlang die Stückfäſſer als wie in Schlachtordnung, und
keines klang hohl, ſo man anklopfte. Rudimann hatte etliche
Maurer beſtellt; jetzt ließ er einen Vorplatz, wo ſonſt Kraut und
Frucht bewahrt lag, herrichten, als wär' das der Kloſterkeller;
zwei Fäßlein und ein Faß pflanzten ſie drin auf. Findet der
Feind gar nichts vor, ſo ſchöpft er Verdacht, alſo hatte der
Kellermeiſter bei ſich überlegt, — und wenn die Sipplinger
Ausleſe, die ich preisgebe, ihre Schuldigkeit tut, wird manch
ein hunniſcher Mann ein bös Weiterreiten haben.
Schon hatten die Werkleute die Quaderſteine gerichtet zu Ver⸗
mauerung der inneren Kellertür, — noch einmal ging Rudi⸗
mann hinein; aus einem verwitterten Faß zapfte er ſein Krüg⸗
lein und leerte es wehmütig; dann faltete er die Hände wie zum
Gebet: Behüt dich Gott, roter Meersburger!! ſprach er. Eine
Träne ſtund in ſeinen Augen.
Rühriges Treiben ging allenthalben durchs Kloſter. In der
Rüſtkammer wurden die Waffen verteilt, es waren viel Häupter
und wenig Helme, der Vorrat reichte nicht. Auch war viel
Lederwerk zerfreſſen und mußte erſt geflickt werden.
In der Schatzkammer ließ der Abt die Koſtbarkeiten und
Heiltümer verpacken: viel ſchwere Truhen wurden gefüllt, das
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