http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0175
Der Hunnen Heranzug. 173
güldne Kreuz mit dem heiligen Blut, die weiße Marmor⸗
urne, aus der einſt die Hochzeitgäſte in Cana den Wein ſchöpf⸗
ten, Reliquienſärge, Abtsſtab, Monſtranz — alles ward ſorglich
eingetan und auf die Schiffe verbracht. Sie ſchleppten auch den
ſchweren, durchſichtig grünen Smaragd bei, achtundzwanzig
Pfund wog er. Den mögt ihr zurücklaſſen, ſprach der Abt.
Das Gaſtgeſchenk des großen Kaiſer Karl? des Münſters
ſeltenſtes Kleinod, wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge
verborgen ruht? fragte der dienende Bruder.
Ich weiß einen Glaſer in Venezia, der kann einen neuen
machen, wenn dieſen die Hunnen fortſchleppen ¹⁶“), erwiderte
leichthin der Abt.
Sie ſtellten das Juwel in Schrank zurück.
Noch war's nicht Abend worden, da ſtund alles zum Abzug
bereit. Der Abt hieß die Brüder im Hofe zuſammentreten,
ſämtliche erſchienen bis auf einen. Wo iſt Heribald? frug er.
Heribald war ein frommer Bruder, deſſen Weſen ſchon man⸗
chem den Ernſt auf der Stirn in Heiterkeit verwandelte ¹⁶¹).
In jungen Tagen hatte ihn die Amme einmal aufs Stein⸗
pflaſter fallen laſſen, davon war ihm ein gelinder Blödſinn
zurückgeblieben, eine „Kopfſinnierung“, aber er war guten
Herzens und hatte an Gottes ſchöner Welt ſeine Freude ſo gut
wie ein Geiſtesgewaltiger.
Da gingen ſie, den Heribald zu ſuchen.
Er war auf ſeiner Zelle. Die gelbgraue Kloſterkatze ſchien
ihm ein Leides zugefügt zu haben, er hatte ihr den Strick,
der ſein Gewand zuſammenhalten ſollte, um den Leib geſchnürt
und ſie an einen Nagel an ſeines Gemaches Decke aufgehängt;
in die leere Luft herab hing das alte Tier, das ſchrie und miaute
betrüblich, er aber ſchaukelte es ſänftlich hin und her und ſprach
lateiniſch mit ihm.
LVorwärts, Heribald! riefen die Genoſſen, wir müſſen die
Inſel verlaſſen.
Fliehe, wer will! ſprach der Blödſinnige, Heribald flieht
nicht mit. L
Sei brav, Heribald, und folg uns; der Abt hat's anbefohlen.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0175