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Der Hunnen Heranzug. 179
— bei ſtarken Menſchen iſt auch die geiſtige Zucht gute Vor⸗
übung zum Kriegerſtand. Nur einer am linken Flügel ver⸗
mochte nicht Schritt zu halten, ſeine Lanze ragte uneben aus der
geraden Reihe der andern: 's iſt nicht ſeine Schuld, ſprach Abt
Wazmann zur Herzogin, er hat in Zeit von ſechs Wochen ein
ganz Meßbuch abgeſchrieben, da flog ihm der Schreibkrampf
in die Finger.
Ekkehard ſchritt auf dem rechten Flügel; wie ſie an der
Herzogin vorüber kamen, traf ihn ein Blick aus den leuchtenden
Augen, der kaum der ganzen Schar gegolten.
In drei Haufen folgten die Dienſtmannen und aufgebotenen
Heerbannleute; mächtige Stierhörner wurden geblaſen, ſeltſam
Rüſtzeug kam zum Vorſchein, manch ein Waffenſtück war ſchon
in den Feldzügen des großen Kaiſer Karl eingeweiht worden,
mancher aber trug auch einen mächtigen Knittel und ſonſt
nichts.
Herr Spazzo hatte indes ſcharfen Auges in das Tal hinunter
geſchaut. 's iſt gut, daß wir gerade beiſammen ſind, ich glaub,
's gibt Arbeit! ſprach er und deutete hinüber in die Tiefe, wo
die Dächer des Weilers Hilzingen hinter hügeligen Gründen
aufſtiegen. Ein dunkler Streif zog ſich heran ... Da hieß Herr
Simon Bardo ſeine Heerſchar halten und ſpähte nach der Rich⸗
tung: Das ſind keine Hunnen, ſie kommen unberitten. Zu
größerer Fürſicht aber hieß er ſeine Bogenſchützen den Abhang
des Berges beſetzen.
Aber wie der fremde Zug näher rückte, ward auch in ihren
Reihen des heiligen Benedikt Ordensgewand ſichtbar, ein gül⸗
den Kreuz ragte als Standarte aus den Lanzen, Kyrie eleison!
klang ihre Litanei den Berg herauf... Meine Brüder! rief
Ekkehard; da löſten ſich die Glieder der Reichenauer Kohorte,
ſie rannten den Berg hinunter mit ſtürmiſchem Jubelſchrei
— wie ſie aneinander waren, überall freudiges Umarmen:
Wiederſehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein fröh⸗
licher Jauchzen ab denn ſonſt.
Arm in Arm mit den Reichenauern ſtiegen die fremden Gäſte
den Berg empor, ihren Abt Cralo an der Spitze; auf ſchwer⸗
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