http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0188
186 Dreizehntes Kapitel.
ärgert, daß er ihm ſein Leder zum Schuhwerk geweigert, da
ging Heribald auf des Camerarius Zelle, ſeinen großen ſtei⸗
nernen Waſſerkrug ſchlug er in Trümmer, die drei Blumentöpfe
desgleichen und trennte den Strohſack auf des Camerarius
Nachtlager entzwei und füllte ihn mit den Scherben. Dann
verſuchte er, wie ſich darauf liege: der harte Inhalt war ſcharf
zu verſpüren — da lächelte er zufrieden und ging in des Abt
Wazmann Gemächer.
Auch dem Abte war er gram, dieweil er ihm manche Züchti⸗
gung zu verdanken hatte, aber es war alles wohl aufgeräumt
und in Verſchluß getan, da blieb ihm nichts übrig, als dem
gepolſterten Lehnſtuhl einen Fuß abzuſchlagen. Er fügte ihn
wieder künſtlich an, als wäre nichts geſchehen: Das wird an⸗
mutig mit ihm zuſammenbrechen, wenn er heimkommt und ſich
bequemlich niederlaſſen will. Den Leib ſollſt du züchtigen,
ſagt der heilige Benedikt. Aber Heribald hat den Stuhlfuß
nicht abgeſchlagen, das haben die Hunnen getan...
Gebet, Andacht und Pſalmenſingen verrichtete er, wie des
Ordens Regel gebot. Die ſieben Tageszeiten hielt der Ein⸗
ſame ängſtlich ein, als möcht' er geſtraft werden ob deren Ver⸗
ſäumnis, auch zur Vigilie ſtieg er nach Mitternacht hinunter in
die Kloſterkirche.
Zur Zeit, als ſeine Mitbrüder auf der Herzogsburg mit
den Sankt Galliſchen zechten, ſtand Heribald im Chor; un⸗
heimlich Grauen der Nacht lag über der Halle, düſter flackerte
die ewige Lampe: er aber ſtimmte unverdroſſen und mit heller
Stimme den Eingangsvers an: Herr, neige dich zu meinem
Beiſtand! Herr, eile heran zu meiner Hilfe! und ſang den
dritten Pſalm, den einſt David geſungen, da er floh vor Ab⸗
ſalom, ſeinem Sohn. Wie er an die Stelle kam, wo Übung
des Pſallierens gemäß die Antiphonie ertönen ſollte, hielt er
nach alter Gewohnheit an und wartete des Gegengeſangs, aber
es blieb ruhig und ſtumm, da fuhr er mit der Hand nach
der Stirn: Ja ſo, ſprach der Blödſinnige, ſie ſind fort, und
Heribald iſt allein ... Jetzt wollte er auch noch den vierund⸗
neunzigſten Pſalm ſingen, wie es die Vorſchrift nächtlichen
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0188