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206 Vierzehntes Kapitel.
gebeugt, itzt war's ihm, als müſſe er ſich ein zweitesmal nieder⸗
werfen, niederwerfen vor ihr, die ſo huldvoll ſeiner gedachte.
Aufkeimende Neigung braucht Zeit, ſich über ſich ſelbſt klar zu
werden, und in Dingen der Liebe hatte er nicht rechnen und
abzählen gelernt, wie in den Versmaßen des Virgilius, ſonſt
hätte er ſich ſagen mögen, daß, wer ihn aus des Kloſters Stille
zu ſich gezogen, wer an jenem Abend auf Hohen Krähen, wer am
Morgen der Schlacht ſo vor ihm ſtand, wie Frau Hadwig, itzt
wohl ein Wort aus der Tiefe des Herzens, vielleicht mehr als
ein Wort von ihm erwarten mochte.
Seine Gedanken jagten ſich, alle Pulſe ſchlugen.
Wenn früher etwas wie Liebe ſich in ihm geregt, ſo war
die Ehrfurcht vor ſeiner Gebieterin herangetreten, es zurück⸗
jagend wie der Sturm, der dem ſcheu zum Dachfenſter heraus⸗
ſchauenden Kind den Laden vor der Naſe zuwirft. An die
Ehrfurcht dachte er jetzt nicht, eher daran, wie er die Herzogin
einſt mit keckem Arm durch den Kloſterhof getragen. Auch an
ſein Mönchsgelübde dachte er nimmer, es regte ſich in ihm, als
ſollt' er ihr in die Arme fliegen und ſie jauchzend ans Herz
preſſen — Herrn Burkhards Schwert brannte ihm an der
Seite. Wirf ab die Scheu, dem Kühnen gehört die Welt!
War's nicht ſo in Frau Hadwigs Augen zu leſen?
Er ſtand auf, ſtark, groß, frei — ſo hatte ſie ihn noch nie
geſehen... Aber es war nur eine Sekunde, noch war kein Laut
vom Sturm des Herzens über die Lippen geflohen, da fiel
ſein Blick auf das dunkle Kreuz von Ebenholz, das Vincen⸗
tius einſt in ſeiner Turmſtube aufgehängt: „es iſt der Tag des
Herrn, und du ſollſt heute reden vor dem Volk!“ — die Er⸗
innerung an ſeine Pflicht ſchlug alles nieder...
Es kam einmal ein Froſt am Sommermorgen, und Halm
und Blatt und Blüten wurden ſchwarz, bevor die Sonne drüber
aufging..
Zag wie ehedem, ergriff er Frau Hadwigs Hand.
Wie ſoll ich meiner Herrin danken? ſprach er mit gebrochener
Stimme.
Sie ſchaute ihn durchbohrend an. Der weiche Zug war vom
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