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Die Hunnenſchlacht. 207
Antlitz entflohen, die alte Strenge lagerte wieder auf der
Stirn, als wolle ſie antworten: wenn Ihr's nicht wißt, ich
werd's Euch nicht verkünden — aber ſie ſchwieg. Noch hielt
Ekkehard ihre Rechte gefaßt. Sie zog ſie zurück.
Seid fromm und tapfer! ſprach ſie, aus dem Gemache ſchrei⸗
tend. Es klang wie Hohn.
Kaum länger als einer braucht, um das Vaterunſer zu beten,
war die Herzogin bei Ekkehard geweſen, aber es war mehr ge⸗
ſchehen, als er ahnen mochte.
Er ſchritt wieder in der Turmſtube auf und ab; „du ſollſt
dich ſelbſt verleugnen und dem Herrn nachfolgen,“ ſo war's in
Benedikts Regel in der Zahl der guten Werke mit aufgezählt
— er wollte ſchier ſtolz ſein auf den Sieg, den er über ſich er⸗
rungen, aber Frau Hadwig war gekränkt die Stufen der Wen⸗
deltreppe hinabgeſtiegen, und wo ein hochfahrend Gemüt ſich
verſchmäht glaubt, da ſind böſe Tage im Anzug.
Es war die ſiebente Stunde des Morgens, da hielten ſie
im Hof von Hohentwiel den Gottesdienſt vor dem Auszug.
Unter der Linde war der Altar aufgeſchlagen, die geflüchteten
Heiligtümer ſtanden drauf zum Troſt der Gläubigen. Der Hof
erfüllte ſich mit Gewaffneten, Mann an Mann ſtanden die
Rotten der Streiter, wie Simon Bardo ſie abgeteilt. Wie
dumpf Gewitterrollen tönte der Geſang der Mönche zum Ein⸗
gang. Der Abt der Reichenau, das ſchwarze Pallium mit wei⸗
ßem Kreuz übergeworfen, celebrierte das Hochamt.
Hernach trat Ekkehard auf die Stufen des Altars; bewegt
gleitete ſein Auge über die Häupter der Verſammelten, noch
einmal zog's ihm durch die Erinnerung, wie er vor kurzer
Friſt im einſamen Gemach der Herzogin gegenüber geſtanden
— dann las er das Evangelium vom Leiden und Tod des
Erlöſers. Mählich ward ſeine Stimme klar und hell, er küßte
das Buch und gab's dem Diakon, daß er's zurücklege auf das
ſeidene Kiſſen; ſein Blick flog gen Himmel — dann hub er die
Predigt an.
Lautlos horchte die Menge.
Schier tauſend Jahre ſind vorüber, rief er, ſeit der Sohn
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