http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0216
214 Vierzehntes Kapitel.
braune Schlange zerkocht und ihm mit dem Fette Stirn und
Schulter und Bruſt beſtrichen: Morgen abend erwart ich dich
hier am ſelben Plätzlein, du kommſt mir heil zurück. Kein Eiſen
iſt wider Schlangenfett!
Und Audifax hatte ihr die Hand gegeben und war ſo wohl⸗
gemut mit ſeiner Sackpfeife ausgerückt in den Kampf — und
jetzt!...
Noch wogte der Feldſtreit draußen im Talgrund. Schier
wankten die ſchwäbiſchen Reihen, ermüdet des ungewohnten
Fechtens. Bedenklich ſchaute Simon Bardo drüber hin und
ſchüttelte das Haupt: Die ſchönſte Strategie, brummte er, iſt
vergeudet an dieſe Centauren, — das ſprengt ab und zu und
ſchießt aus der Ferne, als wär' meine dreifache Schlachtord⸗
nung für nichts da; es täte wahrhaft not, daß man des Kai⸗
ſer Leo Buch über die Taktik ein eigen Kapitel vom Hunnen⸗
angriff zufügte!
Er ritt zu den Mönchen und ſchied ſie wieder in zwei
Heerhaufen; die von Sankt Gallen ſollten zur Rechten, die
Reichenauer zur Linken des Heerbanntreffens vorrücken, dann
ſchwenken, daß der Feind, den Wald im Rücken, in weitem
Halbkreis eingeſchloſſen ſei. So wir ſie nicht einklemmen, hal⸗
ten ſie nicht ſtand, rief er und ſchwang ſein breites Schlacht⸗
ſchwert; auf und drauf denn!
Wildes Feuer leuchtete aus aller Augen. Marſchbereit ſtan⸗
den die Reihen. Jetzt warf ſich noch ein jeglicher ins Knie,
griff eine Scholle vom Boden auf und ſtreute ſie rückwärts über
ſein Haupt, daß es geweiht und gefeit ſei durch die vaterländi⸗
ſche Erde¹8⁵), — dann ging's in Kampf.
Die von Sankt Gallen ſtimmten den frommen Schlachtge⸗
ſang media vita an. Notker, der Stammler, war dereinſt
durch die Schluchten beim heimiſchen Martinstobel geſtiegen,
ſie wölbten einen Brückenbogen herüber, über ſchwindelnder
Tiefe ſchwebten die Bauleute, da ſtand es als Bild vor ſeiner
Seele, wie zu unſerem Leben jeden Augenblickes des Todes
Abgrund aufgähnt, und er dichtete das Lied. Jetzt galt's als
Zauberſang, Schirm eigenen Lebens, Untergang dem Feinde.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0216