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Hadumoth. 221
Fünfzehntes Kapitel.
Hadumoth.
Die Nacht ging zu Ende. Lang und bang war ſie für die
geweſen, denen der Walſtatt Hut anvertraut worden. Un⸗
heimlich Grauen lag über Erde und Menſchen: Der Herr ſei
ihrer Seele gnädig! ſo tönte leiſer Ruf des Wächters durch
die Stille des Gefildes. Und erlöſe ſie von des Fegfeuers Pein,
Amen! antwortete es vom Waldesſaum, wo die Gefährten
ums Wachfeuer kauerten. Schwere Schatten der Nacht deckten
die Erſchlagenen, als wolle der Himmel mitleidig verhüllen,
was der Menſchen Hände da unten geſchafft. Dann jagten die
Wolken von dannen, als wären ſie ſelber von Grauen getrieben
über den Anblick unter ihnen — andere folgten, auch ſie zogen
fort, Geſtalt und Formen wechſelnd, verlierend, in neue über⸗
gehend ... Alles iſt unſtet, nur im Tod ewige eherne Ruhe.
Die auf dem Blachfeld lagen ſtill, Freund und Feind, wie das
Wogen des Streits ſie gebettet.
Eine Geſtalt ſah der Wächter über die Walſtatt huſchen, wie
die eines Kindes. Sie beugte ſich nieder und ging weiter und
beugte ſich abermals und wandelte auf und ab, aber es grauſte
ihm, ſie anzurufen. Er ſtand wie gebannt. Es wird der Engel
ſein, der die Stirn der Toten zeichnet mit dem Buchſtaben, auf
daß man ſie erkenne, wann der Geiſt dereinſt ihr Gebein anbläſt,
daß ſie wieder leben und auf den Füßen ſtehen und ein Heer
ſind wie ehedem; ſo dachte er nach dem Bild des Propheten,
bekreuzte ſich und ſchwieg. Die Geſtalt verſchwand aus ſeinen
Augen.
Der Morgen graute, da kamen viel Männer vom Heerbann,
die Mönche abzulöſen. Die Herzogin ſandte ſie. Herr Simon
Bardo war zwar nicht einverſtanden. Sieg iſt nur halber Sieg,
ſo er nicht benutzt wird; wir müſſen den Fliehenden nachrücken,
bis der letzte von ihnen getilgt iſt, hatte er geſagt. Aber die
Mönche drangen auf Rückkehr der Oſtertage wegen, und die
andern ſprachen: Bis wir die mit ihren ſchnellen Roſſen ein⸗
holen, moͤgen wir weit ziehen, ſie ſind gekommen, wir haben
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