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222 Fünfzehntes Kapitel.
ſie gehauen, kommen ſie wieder, ſind neue Hiebe vorrätig —
die Arbeit von geſtern iſt ihrer Ruhe wert. Da ward beſchloſſen,
die Toten zu begraben vor Anbruch des Oſterfeſtes.
Die Männer trugen Karſt und Spaten und ſchaufelten zwei
große Gräber. Es war eine verlaſſene Kiesgrube ſeitwärts im
Feld, die weiteten ſie aus zu geräumigem Ruheplatz. Dort⸗
hin trugen ſie der Hunnen Leichname. Waffen und Rüſtung
wurden abgetan und geſammelt, viel Traglaſten von Beute⸗
ſtücken. Und ſie warfen die Toten in die Grube, ſonder Rück⸗
ſicht, wie ſie gebracht wurden — es war ein wild verſchlungener
Knäuel von Gliedmaßen, Roß und Menſchen durcheinander
verſtrickt, ein Gewühl wie beim Höllenſturz der abtrünnigen
Engel. Die Tiefe füllte ſich. Einer der Schaufelnden kam und
brachte ein einzeln Haupt; grimmig ſchaute es drein, mit zer⸗
ſpellter Stirn. Es wird auch zu den Heiden gehören und mag
ſeinen Rumpf ſuchen! rief er und ſchleuderte es zu den Leichen.
Wie das ganze Feld abgeſucht und kein hunniſcher Mann
mehr zu finden war, ſcharrten ſie die Grube zu; es war ein
Begräbnis ohne Sang und Klang — nureetliche Flüche tönten
als Nachruf hinab, und Raben und Raubvögel krächzten heiſer
drein; die in den Felsſpalten des hohen Krähen niſteten, waren
herübergeflogen, und die im Tannwald horſteten; auch Moen⸗
gals Habicht war dabei, ſie wollten Einſprache erheben, daß
die Beerdigung ſie verkürze. Dumpf dröhnten die Erdſchollen
und Kieſelgeſteine in das weite Grab. Dann kam der Diakon
von Singen mit dem Keſſel geweihten Waſſers, den Geviert⸗
raum ſchritt er auf und nieder und beſprengte ihn zur Bannung
der Dämonen und Niederhaltung der fremden Toten in der
fremden Erde.
Ein verwittert Felsſtück war vor Zeiten vom Hohentwieler
Berg abgelöſt zu Tal geſtürzt, das wälzten ſie aufs Hunnen⸗
grab, dann wandten ſie ſich ſchauernd von der Stätte und
richteten das zweite Grab. Das ſollte die gebliebenen Söhne
des Landes empfangen. Für die Erſchlagenen geiſtlichen Stan⸗
des war die Kloſterkirche auf Reichenau zum Ruheplatz be⸗
ſtimmt.
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