Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 244
(PDF, 52 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0007
244 Sechzehntes Kapitel.

es däuchte ihm oftmals, als winke ihm der Aſt herauf und ſage:
Hei! wie taugteſt du, mich zu ſchmücken!
Allmählich fand er jedoch, daß die Linde ein ſchöner ſchattiger
Baum ſei, und ward zutraulicher. Sein durchſtochener Fuß
heilte, er trieb ſich in Hof und Küche herum und ſchaute mit
ſtumpfer Verwunderung in das Getrieb deutſchen Hausweſens.
Er vermeinte zwar auf hunniſch, eines Mannes Heimat ſolle
der Rücken des Roſſes ſein, und für Weib und Kind genüge ein
fellumhangener Wagen, aber wenn's regnete oder die Abend⸗
kühle kam, ſchien ihm das Herdfeuer und die vier Wände nicht
zu verachten, ein Trunk Wein beſſer als Stutenmilch und ein
wollenes Wams weicher als ein Wolfspelz. So ſchwand die
Sehnſucht des Fliehens; vor Heimweh war er geſchützt, weil
ihm ein Vaterland fremd.
In Hof und Garten ſchaltete dazumal eine Maid, die hieß
Friderun und war hoch wie ein Gebäu von mehreren Stock⸗
werken, drauf ein ſpitzes Dach ſitzt, denn ihr Haupt hatte die
Geſtalt einer Birne und glänzte nicht mehr im Schimmer erſter
Jugend; wenn der breite Mund ſich zu Wort oder Gelächter
auftat, ragte ein Stockzahn herfür als Markſtein geſetzten
Alters. Die böſen Zungen raunten ſich zu, ſie ſei einſt Herrn
Spazzos Freundin geweſen, aber das war ſchon lange her; ſeit
Jahren war ihre Huld einem Knecht zugewandt, den hatten in
den Reihen des Heerbannes die Hunnen erſchoſſen — itzt ſtand
ihr Herz verwaiſt.
Große Menſchen ſind gutmütig und leiden nicht unter den
Verheerungen allzuſcharfen Denkens. Da lenkte ſie ihre Augen
auf den Hunnen, der ſich einſam im Schloßhof umtrieb, und
ihr Gemüt blieb mitleidig an ihm haften wie der funkelnde
Tautropfen am Fliegenſchwamm. Sie ſuchte ihn heranzubilden
zu den Künſten, die ihr ſelber geläufig, und wenn ſie im Gar⸗
ten gejätet und gehackt, geſchah es, daß ſie ihre Hacke dem Cap⸗
pan übergab; der tat, wie er's von ſeiner Meiſterin geſehen.
Auch im Abſchneiden von Bohnen und Kräutern folgte er
ihrem Beiſpiel, — und nach wenig Tagen, wenn Waſſer vom
Brunnen beigeſchafft werden ſollte, brauchte die ſchlanke Fride⸗


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0007