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256 Sechzehntes Kapitel.
„— ein truglos gleitendes Leben,
Reich an mancherlei Gut. Und Muße bei räumigen Feldern,
Grotten und lebende Teich', ein Kühlung atmendes Tempe,
Rindergebrüll und unter dem Baum ſanft winkender Schlum⸗
mer.“
Ihr wißt ſinnig zu erklären, ſprach Frau Hadwig. Des
Cappan Lehenspflicht, ringsum den Maulwurf zu fahen und
die nagende Feldmaus, hat Euer Neid wohl überſehen. Und
die Winterfreuden! wenn der Schnee mauergleich bis an das
Strohdach ſich türmt, daß der helle Tag ſich verlegen umſchaut,
durch welchen Spalt er ins Haus ſchlüpfen ſoll ...
Auch in ſolche Not wüßte ich mich zu finden, ſprach Ekke⸗
hard. Virgilius weiß es auch:
„Mancher verbleibet dann lang beim ſpäten Geflimmer des
Feuers
Wach im Winter und ſchnitzt ſich Fackeln innit ſchneidendem
iſen
Während ſein Weib, mit Geſang ſich der Arbeit Weile ver⸗
kürzend,
Raſch des Gewebs Aufzug durchſchießt mit ſauſendem Kamme.“
Sein Weib? ſprach die Herzogin boshaft. Wenn er aber
kein Weib hat?
Drüben erſcholl ein brauſend Jubelgelächter. Sie hatten den
hunniſchen Vetter auf ein Brett geſetzt und trugen ihn erhoben,
wie einſt den Heerführer auf dem Schild bei der Königswahl,
über die Wieſe. Er tat etliche Freudenſprünge über ihren
Häuptern.
— und kein Weib haben darf? ſprach Ekkehard zerſtreut.
Seine Stirn glühte. Er deckte ſie mit der Rechten. Wohin
er ſchaute, ſchmerzte ihn das Aug'’. Dort das Gewirre des
Hochzeitjubels — hier die Herzogin, fern die leuchtenden Ge⸗
birge: Es war ihm unendlich weh, aber ſeine Lippen blieben
geſchloſſen. Sei ſtark und ſtill! ſprach er zu ſich ſelber.
Er war in Wahrheit nicht mehr wie früher. Der ſtille
Bücherfriede der Mönchsklauſe war von ihm gewichen, Kampf
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