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258 Sechzehntes Kapitel.
Breiſach her, die Heerſtraße ſtäubt, Ihr hebet das Haupt, nun,
Meiſter Ekkehard, wer wird angezogen kommen?
Der Gefragte war kaum der Schilderung gefolgt. Wer?
ſagte er ſcheu.
Wer anders als Eure Gebieterin, die ſich ihr herzoglich
Recht nicht vergeben wird zu prüfen, wie ihre Diener ſchalten.
Und dann? fragte er weiter. B
Dann? dann werd' ich Erkundigungen einziehen, wie Mei⸗
ſter Ekkehard ſeiner Pflicht oblag, und ſie werden alle ſagen: Er
iſt brav und ernſt, und wenn er nicht ſo viel denken und ſin⸗
nen und in ſeinen Pergamenten leſen wollte, wär' er uns noch
lieber.
Und dann? fragte er noch einmal. Sein Ton war ſeltſam.
Dann werd' ich ſprechen mit den Worten der Schrift: Wohl,
du guter und getreuer Knecht! Du warſt treu über weniges, ich
will dich über vieles ſetzen. Zeuch ein zum Freudenmahl deines
Herrn.
Ekkehard ſtand gleich einem Betäubten. Er hob ſeinen Arm,
er ließ ihn wieder ſinken, eine Träne zitterte in ſeinem Aug'.
Er war ſehr unglücklich.
. . Zu ſelber Zeit ſchritt ein Mann vorſichtig aus dem
Gebüſch heraus. Wie er wieder Wieſengrund unter den Füßen
fühlte, ließ er die gehobene Kutte niederfallen. Er ſchaute
bedeutſam auf die beiden zurück und nickte mit dem Haupte,
wie einer, der eine Entdeckung gemacht. Er war auch nicht
hingegangen, um Veilchen zu pflücken.
Das Hochzeitfeſt war in ſtufenweiſer Entwicklung bis dahin
gediehen, wo Chaos einzubrechen droht. Der Met wirkte in den
Gemütern. Einer hing ſein Obergewand an einen Baumaſt und
fühlte unwiderſtehliche Neigung, alles zu zertrümmern, ein
anderer hingegen ſtrebte, alles zu umarmen, ein dritter, der
vor zehn Jahren manchen Kuß von Frideruns Wangen ge⸗
pflückt zu haben ſich erinnerte, ſaß trübſinnig am Tiſch und
hatte viel getrunken und ſah den Ameiſen zu, die ihm zu Füßen
wimmelten, und ſprach: Kling, klang, gloria! Keine iſt was
nutz... Die jungen Leute, die in der Frühe ſo verſchämt als
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