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264 Siebzehntes Kapitel.
welt gekommen ²⁰8). Mag denn der ungeheuerliche Anlaß, der
des welſchen Gelehrten Rache aufrief, mit ſeinen eigenen Wor⸗
ten erzählt ſein:
„Schon lange,“ — alſo ſchreibt er ſeinen Reichenauer Freun⸗
den, — „betrieb es der verehrungswerte teure König Otto bei
den Fürſten Italiens, daß er mich in ſeine Reiche herüber
berufe. Da ich aber keinem ſo untertan, noch auch ſo niedrigen
Standes war, daß man mich hätte zwingen mögen, wandte er
ſich an mich mit bittender Anzeige, alſo daß er mein Ver⸗
ſprechen als Unterpfand des Kommens empfing. So geſchah
es auch, als er Welſchland verließ, daß ich ihm folgte. Und
ich folgte ihm, gedenkend, daß mein Kommen keinem zum
Schaden, vielen zu Nutzen gereichen möge, denn wozu treibt
uns nicht die Liebe und der Wunſch, den Mitbrüdern genehm
zu ſein? Und ich zog meines⸗-Weges, nicht wie ein Britanne,
geſpickt mit den Geſchoſſen des Tadels, ſondern im Dienſte der
Liebe und Wiſſenſchaft.
Über ſteiles Joch der Gebirge und abſchüſſige Schluchten
und Täler kam ich endlich vor des heiligen Gallus Kloſter an,
und zwar ſo erſchöpft, daß die vom eiſigen Hauch der Berg⸗
luft erſtarrten Hände den Dienſt verſagten und fremde Hilfe⸗
leiſtung mich vom Saumtier heben mußte.
Des Ankommenden Hoffnung war friedlich Ausruhen am
Ort klöſterlicher Niederlaſſung. Auch ſah ich dort häufiges Nei⸗
gen der Häupter, ſittig geordnete Kapuzen, ſanftes Einherſchrei⸗
ten und ſeltenen Gebrauch der Rede, alſo daß ich keines Un⸗
heils gewärtig ſtund, nur daß des Juvenalis Spruch gegen die
falſchen Philoſophen:
„Spärlich iſt ihnen das Wort, — doch Bosheit ſteckt in dem
Schweigen“
heimlich an meinem Gemüt nagen wollte. Und wer ſollte
glauben, daß jenem Heiden vorahnende Kenntnis von kutten⸗
tragender Verkehrtheit inwohnte?
Doch freute ich mich harmlos meines Lebens, erwartend, ob
nicht unter dem ſpärlichen Gemurmel der Brüder etliche Funken
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