Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 265
(PDF, 52 MB)
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Gunzo wider Ekkehard. 265

philoſophiſcher Strebungen aufblitzen möchten. Es blitzte aber
nichts auf, ſie rüſteten am Rüſtzeug der Hinterliſt.
Unter anderen war auch ein junger Schülerknab' anweſend
und ein älterer, der — — je nun! er war, wie er war; ſie
hießen ihn einen braven Lehrer des Kloſters, wiewohl er mir
in die Welt zu ſchauen ſchien mit den Augen einer Turteltaube.
Von dieſem ſchmachtend blickenden Gelehrten habe ich nunmehr
zu reden. Höret ſeine Tat. Ab⸗ und zugehend machte er den
Schüler zum Gefährten eines tückiſchen Anſchlages.

Nacht war's, es nahte die Zeit des ſorgenſtillenden Schlummers,
Wohlgeſättigt des Mahls, zollten wir Bacchus ſein Recht —

da verführte mich ein ungünſtig Geſchick, daß ich im Hin⸗ und
Herreden lateiniſchen Tiſchgeſpräches eines Verſtoßes im Ge⸗
brauch eines Kaſus ſchuldig ward und einen Accuſativus
ſetzte, wo ein Ablativus ſich geziemt hätte.
Nun ward offenbar, in welcher Art Künſten jener vielbe⸗
rühmte Lehrer den ganzen Tag ſeinen Schüler unterwieſen.
„Solch Verbrechen wider Sprache und Grammatik verdiene die
Schulgeißel!“ alſo ſpottete das benannte Studentlein mich, den
Erprobten, und kramte bei dieſem Anlaß ein höhniſches Spott⸗
gedicht aus, das ihm eben jener Lehrer eingeblaſen, alſo daß
ein rauhes cisalpiniſches Gelächter über den fremden Gaſt⸗
freund durchs Refektorium erſchallte.
Wem aber iſt unbekannt, welcher Beſchaffenheit die Verſe
übermütig gewordener Mönche ſind? Was weiß ein ſolcher
von der inneren Haushaltung eines Gedichtes, wo ein Stück
Purpur ans andere zu ſetzen iſt, auf daß es glänze und gleiße?
was von der Würde der Dichtkunſt? — er ſpitzt die Lippen und
ſpuckt ein Poem aus, gleich dem Lucilius, den Horatius brand⸗
markt, daß er oftmals, auf einem Fuße ſtehend, zweihundert
Verſe diktierte und mehr noch, bevor ein Stündlein abgelaufen.
Ermeſſet nun, ehrwürdige Brüder, welch ein Maß von Un⸗
recht man mir angetan, und was der für ein Menſch ſein
muß, der ſeinem Nebenmenſchen den Irrtum eines Ablativus
vorhält!“


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