Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 267
(PDF, 52 MB)
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Gunzo wider Ekkehard. 267

droſchen werde — was von der feinen Art neuerer Zeit, wo das
Gift in vergüldeten Pillen gereicht wird und die Streiter den
Hut voreinand abziehen, eh' ſie anheben, ſich die Rippen einzu⸗
ſchlagen, rühmlich abſticht.
Es waren aber zwei Teile, der erſte, dem Ekkehard zum
Nachweis, daß nur ein roher und unwiſſender Menſch ſich an
Verwechſlung eines Kaſus ſtoßen könne, der zweite, der Welt
zur Überzeugung, daß der Verfaſſer Gunzo der gelahrteſte, wei⸗
ſeſte und frömmſte der Zeitgenoſſen.
Und darum hatte er im Schweiß ſeines Angeſichtes die Klaſ⸗
ſiker geleſen und die heiligen Schriften, daß er alle Stellen ver⸗
zeichnen möge, in denen gleichfalls dichteriſche Laune oder
Nachläſſigkeit einen fälſchlichen Accuſativus gebraucht. Brachte
auch der Beiſpiele aus Virgilius zwei, aus Homer eines, aus
Terentius eines, aus Priscianus eines, ferner aus Perſius
eines, wo ein Vokativ ſtatt eines Nominativ, und aus Sallu⸗
ſtius eines, wo ein Ablativ ſtatt des Genitiv geſetzt ward —
desgleichen aus den Büchern Moſes und den Pſalmen. „Und
wenn ſolches ſogar in den Reihen heiliger Schriften zu finden,
wer iſt ſo ruchlos, daß er ſolche Weiſe des Sprechens zu tadeln
wage oder zu verändern? Mit Falſchheit alſo glaubt des hei⸗
ligen Gallus Mönchlein, daß mir die Kunſt der Grammatik
fern, mag meine Zunge auch dann und wann gehemmt ſein
durch die Gewohnheit meiner heimiſchen Sprache, die der la⸗
teiniſchen nur verwandt iſt. Verſtöße aber kommen vor durch
Nachläſſigkeit und menſchliche Unvollendetheit im allgemeinen,
wie Priscianus ſehr richtig ſagt: „Ich glaube nicht, daß von
menſchlichen Erfindungen etwas nach allen Teilen Vollendetes
erfunden werden möge.“ Auch hat ſchon Horatius Nachläſſig⸗
keiten der Schreibart und Sprache bei bedeutenderen Männern
entſchuldigt: „Zuweilen ſchlummert auch der gute Homer.“
Und Ariſtoteles ſagt in ſeinem Buch über die hermeneia:
„Alles, was unſere Zunge ausſpricht, iſt nur ein Ausdruck für
das, was unſerer Seele eingeprägt iſt. Der Begriff einer Sache
aber iſt früher vorhanden als der Ausdruck, und ſomit die Sache
höher zu ſchätzen denn das Wort. Wo aber der Sinn dunkel,


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