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Gunzo wider Ekkehard. 271
um die Torheit eines Unwiſſenden bloß zu legen, der da vor⸗
zog, grammatiſchen Schnitzern nachzujagen, ſtatt wahre Wiſ⸗
ſenſchaft von ſeinem Gaſtfreund zu erlauſchen. Wenn ihm auch
innerlich die Kunſt für ewig verſagt iſt, hätt' er ſich doch von
außen einen Widerſchein von mir erwerben können. Aber ihn
blähte allzu großer Übermut, daß er vorzog, unter den Sei⸗
nigen für einen Weiſen zu gelten, gleich dem Froſche, der in
ſeinem Sumpf zweifelsohne glaubt, daß er an Größe den Stier
übertreffe. Ach, niemals iſt der Mitleidwerte auf freien Höhen
des Wiſſens geſtanden und hat die Stimme Gottes zu ſich reden
gehört: In der Wildnis iſt er geboren, unter blödem Murmeln
aufgewachſen, und ſeine Seele bewahrt die Sitte der Tiere
des Waldes; in tätigem Leben der Welt wollte er nicht behar⸗
ren, zu innerlicher Beſchaulichkeit iſt er verdorben, der Feind
des Menſchengeſchlechts hat ihm ſein Zeichen aufgebrannt.
Gern würde ich euch ermahnen, ihm die Hilfe heilender Arznei
angedeihen zu laſſen, aber ich fürchte, ich fürchte, ſeine Krankheit
iſt zu tief eingewurzelt.
„Und auf verhärtetes Fell wirkt ſelber die Nießwurz vergeblich“
ſagt Perſius.
Möget ihr nun, ehrwürdige Brüder, aus allem, was ich
mitteile, erſehen, ob ich ein ſolcher bin, der die Behandlung
und das Gelächter jenes Toren verdient hat. Euerem Urteil
ſtell' ich ihn und mich anheim: Im Urteil der Gerechten ſchwin⸗
det der Tor in ſein verdientes Nichts. Finis!“
... Gelobt ſei der heilige Amandus! ſprach Gunzo nochmals,
als das letzte Wort ſeines Werkes geſchrieben vor ihm ſtand.
Die alte Schlange hätte ſicherlich ihre Freude an ihm gehabt,
wenn ſie ihn in ſeiner Gottähnlichkeit hätte belauſchen können,
da er den letzten Punkt anfügte. „Und Gott ſah alles, was er
gemacht hatte. Und es war ſehr gut.“ Und Gunzo? — Er
tat desgleichen.
Dann ſchritt er zu ſeinem Metallſpiegel und beſchaute ſich
lange, als wär' es ihm von äußerſter Wichtigkeit, das Antlitz
deſſen kennen zu lernen, der den Ekkehard von Sankt Gallen
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