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272 Siebzehntes Kapitel.
vernichtet. Er verneigte ſich achtungsvoll vor ſeinem Spiegel⸗
bild.
Die Glocke im Refektorium hatte längſt zur Abendmahlzeit
gerufen, Pſalm und Tiſchgebet waren gebetet, ſchon ſaßen die
Brüder beim ſanften Hirſebrei, da erſt trat Gunzo in den Saal.
Sein Antlitz ſtrahlte. Der Dekan deutete ihm ſchweigend vom
gewohnten Platz hinüber in Winkel, denn wer allzuoft ver⸗
ſäumte, ſich rechtzeitig einzufinden, der ward zur Buße von der
Speiſenden Gemeinſchaft geſondert und ſein Wein den Armen
verabreicht ²2⁰9). Aber ohne Murren ſetzte ſich Gunzo hinüber
und trank ſein belgiſch Brunnenwaſſer, ſein Büchlein lag ja
vollendet oben, das tröſtete.
Nach aufgehobenem Mahl zog er ſeiner Freunde einige zu
ſich auf die Zelle, geheimnisvoll, als gält' es verborgenen Schatz
zu heben; er las ihnen das Werk vor.
Des heiligen Gallus Kloſter mit ſeinen Büchern, Schulen,
Gottesgelehrten war in damaliger Chriſtenheit viel zu gut be⸗
leumdet, als daß die Jünger des heiligen Amandus nicht mit
leiſer Freude das Ziſchen von Gunzos Geſchoſſen vernommen.
Tüchtigkeit und vorragender Wandel beleidigt die Welt oft noch
tiefer als Frevel und Sünde.
Darum nickten ſie beifällig mit den grauen Häuptern, wie
Gunzo die Kernſtellen vortrug.
Es wär' ſchon lang an der Zeit geweſen, den Bären im
Helvetierland einen Tanz aufzuſpielen, ſprach der eine, Über⸗
mut, mit Grobheit gepaart, verdient keine andere Muſik.
Gunzo las weiter. Bene, optime, aristotelicissime! mur⸗
melten die Verſammelten, als er geendet. Vergnügte Mahlzeit,
Bruder Akhar, ſprach ein anderer, belgiſch Gewürz zum hel⸗
vetiſchen Käſe der Alpen!
Der Bruder Küchenmeiſter umarmte den Gunzo und weinte
vor Rührung: So gelehrt und ſo tief und ſo ſchön ſei noch
nichts aus den Mauern des heiligen Amandus in die Welt
hinausgegangen. Nur ein einziger der Brüder ſtand unbeweg⸗
lich an der Mauer.
Nun? fragte Gunzo.
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