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Gunzo wider Ekkehard. 273
Wo bleibt die Liebe? ſprach der Bruder leiſe, dann ſchwieg
er. Gunzo fühlte den Vorwurf.
Du haſt recht, Hucbald! ſprach er, es ſoll geholfen werden.
Die Liebe gebeut, für unſere Feinde zu beten. Ich werd' noch
ein Gebet für den armen Toren an Schluß der Schrift ſetzen,
das wird ſich verſöhnlich ausnehmen und weiche Gemüter be⸗
ſtechen. Wie?
Der Bruder ſchwieg. Es war ſpät in der Nacht geworden.
Sie gingen auf den Zehen aus der Zelle.
Gunzo wollte den, der von der Liebe geſprochen, zurück⸗
halten, es war ihm an ſeinem Urteil gelegen, aber der wandte
ſich und folgte den andern.
Matthäus dreiundzwanzig, fünfundzwanzig! ſprach er vor
ſich hin, wie ſein Fuß die Schwelle überſchritten. Niemand
hörte ihn.
Aber Gunzo, den Vielgelehrten, floh der Schlummer, wie⸗
der und wieder las er die Blätter ſeines Fleißes, er wußte bald,
an welchem Fleck jedes einzelne Wort ſtand, und doch kamen
ſeine Augen nicht los von den bekannten Zügen. Dann griff
er zur Feder: Einen frömmern Schluß! ſprach er — ſei es
denn! Er beſann ſich, dann durchmaß er die Stube mit be⸗
dachtſamem Schritt. Es ſollen künſtliche Hexameter werden;
wer hat je würdiger eine Beleidigung vergelten ſehen?
Jetzt ſetzte er ſich hin und ſchrieb. Ein Gebet für ſeinen
Feind wollte er ſchreiben. Aber wider ſeine Natur kann nie⸗
mand. Da las er ſeine Blätter noch einmal durch — ſie waren
allzu gelungen. Dann ſchrieb er den Nachtrag. Der Hahn
krähte ins Morgengrau, da war auch dieſer vollendet, praſ⸗
ſelnder Mönchsverſe zwei Dutzend und ein halbes. Daß ſeine
Gedanken vom Gebet für den Gegner auf ihn ſelbſt und den
Ruhm ſeiner Arbeit zu reden kamen, iſt bei einem Mann von
Selbſtgefühl ein natürlicher übergang.
Mit Salbung ſchrieb er die fünf letzten Zeilen:
Zeuch nun hinaus in die Welt, mein Büchlein, und triffſt du
. auf Leute,
Die mit hämiſchem Zahn mein glorreich Leben benagen,
Sceffel. v/VI. 18
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