Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 274
(PDF, 52 MB)
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274 Siebzehntes Kapitel.

Dieſen zerſchmettre das Haupt und wirf ſie beſiegt in den Staub
hin, ”M
Bis dein Verfaſſer dereinſt zur verheißenen Seligkeit eingeht,
Die dem Manne gebührt, der ſein Talent nicht verſcharrt hat.

Das Pergament war rauh und ſträubte ſich, er mußte die
Rohrfeder breit aufdrücken, daß es die Buchſtaben annahm.
Anderen Tages verpackte Gunzo ſeine geharniſchte Epiſtel
in eine Kapſel von Blech und dieſe in einen leinenen Umſchlag.
Ein Dienſtmann des Kloſters, der ſeinen Bruder erſchlagen,
hatte das Gelübde getan, zu den Gräbern von zwölf Heiligen
zu wallen, den rechten Arm an die rechte Hüfte gekettet, und
dort zu beten, bis ihm ein himmliſch Gnadenzeichen werde 2²10⁰).
Er pilgerte rheinaufwärts. Dem hing Gunzo die Kapſel um;
nach wenig Wochen ward ſie richtig und unverſehrt an der
Kloſterpforte der Reichenau dem Pörtner eingehändigt. Gunzo
kannte ſeine Leute dort. Darum hatte er ihnen die Schrift ge⸗
widmet.
Der alte Moengal hatte dazumal auch Geſchäfte im Klo⸗
ſter. Im Gaſtſtüblein ſaß der belgiſche Pilgersmann, ſie hatten
ihm ein Fiſchſüpplein gereicht, mühſam arbeitete er ſich dran
ab, ſeine Ketten klirrten, wenn er den Arm hob.
Geh' du wieder heim, Mordbüßer, ſprach Moengal zu ihm,
und heirat die Witib des Erſchlagenen, das wird eine beſſere
Sühne ſein, als mit klirrendem Eiſen einen Narrengang durch
die weite Welt zu tun.
Der Pilger ſchüttelte ſchweigend das Haupt, als dächte er,
das ſchüfe ihm noch ſchwerere Ketten, als die der Schmied ge⸗
ſchmiedet.
Moengal ließ ſich beim Abt melden. Er iſt im Leſen vertieft,
hieß es. Doch ließ man ihn eintreten.
Setzt Euch, Leutprieſter, ſprach der Abt gnädig, Ihr ſeid
ein Freund von Gebeiztem und Geſalzenem — ich hab' was
für Euch.
„Er las ihm die friſch angekommene Schrift Gunzos vor.
Der Alte horchte; ſeine Augenbrauen zogen ſich in die Höhe,
die Naſenflügel traten weit und weiter auf.


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