Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 279
(PDF, 52 MB)
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Herrn Spazzo, des Kämmerers, Geſandtſchaft. 279

erſten Hahnenſchrei. Nur fern über das Hügelland, das im
Rücken des hohen Twiel ſich wellenförmig ausdehnt, kam ein
Mann geſchritten. Das war der Hunn' Cappan. Er trug
Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an ſeine Ar⸗
beit, den Feldmäuſen nachzuſtellen. Fröhlich pfiff er auf einem
Lindenblatt, — das Bild eines glücklichen Neuvermählten, ihm
war in der langen Friderun Armen ein neues Leben aufge⸗
gangen.
Wie geht's? fragte ihn Ekkehard mild, als er an ihm vor⸗
überſchritt und ihn demütig grüßte. Der Hunn' deutete in die
blaue Luft hinauf: wie im Himmel! ſagte er und drehte ſich
vergnügt auf ſeinem Holzſchuh. Ekkehard wandte ſich. Noch
lang tönte des Schermausfängers Pfeifen durch die Morgen⸗
ſtille, er aber ſchritt zum Abhang der Felſen. Dort lag ein
verwitterter Stein; ein Fliederbuſch wölbte ſich drüber mit
üppig weißen Blüten. Ekkehard ſetzte ſich. Lang ſchaute er in
die Ferne, dann zog er ein von zierlicher Decke umfaßtes Büch⸗
lein aus ſeiner Kutte und hub an zu leſen. Es war kein Bre⸗
vier und kein Pſalterium. Das hohe Lied Salomonis! hieß die
Überſchrift; das war kein gut Buch für ihn. Sie hatten ihn
zwar einſtens gelehrt, der lilienduftige Sang gelte dem brün⸗
ſtigen Sehnen nach der Kirche, der wahren Braut der Seele;
er hatte es auch in jungen Tagen ſtudiert, unangefochten von
den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und palmbaum⸗
ſchlanken Hüften der Sulamitin. Jetzt las er's mit anderem
Sinne. Ein ſüßes Träumen umfing ihn.
„Wer iſt die, welche hervortritt wie die aufgehende Morgen⸗
röte, ſchön wie der Mond, erwählet wie die Sonne und ſchreck—⸗
lich wie eine wohlgeordnete Schlachtordnung?“ Er ſchaute
hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel, die im Frührot glänz⸗
ten, und wußte die Antwort.
Und wieder las er: „Ich ſchlafe, aber mein Herz wachet.
Da iſt die Stimme meines Geliebten, der anklopfet: Tue mir
auf, meine Schweſter, meine Freundin, meine Taube, denn
meine Stirn iſt voll Taues und meine Haarlocken voll perlen⸗
der Tropfen.“ Ein Luftzug ſchüttelte ihm die weißen Flieder⸗


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