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294 Achtzehntes Kapitel.
hellen Schrei getan, wie die Strohhülle von ihm genommen
ward. Er kommt vor Nacht nicht heim! murmelte Rudimann
und brach einen ſtarken Lindenzweig und ſperrte mit einge⸗
ſchobenem Holze dem Lachs den Rachen, daß er weit aufge⸗
riſſen hinausgähnte. Mit grünem Lindenblatt verzierte er das
Fiſchmaul, dann griff er in ſeinen Buſen, dort trug er die
Pergamentblätter von Gunzos Schmähſchrift, er rollte ſie ſäu⸗
berlich zuſammen und ſchob ſie in den offenen Rachen. Neu⸗
gierig ſah ihm Praxedis zu: das war ihr noch nicht vor⸗
gekommen. ”M
Jetzt nahte die Herzogin. Demütig ging ihr Rudimann ent⸗
gegen, er bat um Nachſicht für die Kloſterleute, es tue dem Abt
leid, er ſprach mit Anerkennung von dem Verwundeten, mit
Zweifel vom Wetterzauber, mit Erfolg im ganzen. Und mög'
Euch ein unwürdig Geſchenk wenigſtens den guten Willen des
Euch ſtets getreuen Gotteshauſes beweiſen, ſchloß er und trat
zurück, daß der Lachs in ſeiner vollen Pracht ſichtbar wurde.
Die Herzogin lächelte halb verſöhnt.
Jetzt ſah ſie das Pergament dem Rachen entragen. Und
das? ſprach ſie fragend.
Das Neueſte der Literatur!... ſprach Rudimann. Er neigte
ſich mit Anſtand, ging zu ſeinem Saumtier und beeilte ſich
des Heimritts. —
Der rote Meersburger war gut. Und Herr Spazzo nahm's
nicht als eine leichte Sache, beim Wein zu ſitzen, er dauerte
aus vor den Krügen wie ein Städtebelagerer und ſaß feſtge⸗
goſſen auf ſeiner Bank und trank als ein Mann, der ſprudelnd
Aufſchäumen den Knaben überläßt, ernſt aber viel.
Der Rote iſt die verſtändigſte Einrichtung im ganzen Kloſter,
habt Ihr noch mehr im Keller? hatte er den Abt gefragt, wie
der erſte Krug leer war. Es ſollte eine Höflichkeit ſein, ein
Zeichen der Verſöhnung, daß er weiter trank. Da kam der
zweite Krug.
Unbeſchadet der landesherrlichen Rechte! ſprach er grimm,
wie er mit dem Abt anſtieß. Unbeſchadet! antwortete der mit
einem Seitenblick.
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