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298 Achtzehntes Kapitel.
Bald war er am jenſeitigen Ufer. Kühl wehte die Nacht⸗
luft um das heiße Haupt des Reiters. Er lachte vor ſich hin.
Die Zügel hielt er gepreßt in der Rechten. Der Mond ſchien
auf den Weg. Dunkel Gewölk ballte ſich fern um die Häup⸗
ter der helvetiſchen Berge. Jetzt ritt Herr Spazzo in den Tann⸗
wald ein. Laut und gemeſſen ſchallte des Kuckucks Stimme
durch die Stille. Herr Spazzo lachte. War's fröhliche Er⸗
innerung oder ſehnende Hoffnung der Zukunft, die ſein Lächeln
ſo ſüß machte? Er hielt ſein Roß an.
Wann ſoll die Hochzeit ſein? rief er zum Baum hinüber, drauf
der Rufer ſaß ²²²). Er zählte die Rufe, aber der Kuckuck war
heute unermüdlich. Schon hatte Herr Spazzo zwölf gezählt,
da begann ſeine Geduld auf die Neige zu gehen.
Schweig, ſchlechter Gauch! rief er.
Da tönte des Kuckucks Ruf zum dreizehnten Male.
Der Jahre fünfundvierzig haben wir ſchon, und dreizehn
macht achtundfünfzig, ſprach Herr Spazzo zornig. Das gäb'
ſpäten Brautſtand.
Der Kuckuck rief zum vierzehnten. Ein anderer war vom
Rufen wach geworden und ließ itzt auch ſeine Stimme erklingen,
ein dritter ſtimmte ein, das hallte und ſchallte neckiſch um den
trunkenen Kämmerer herum und war nicht mehr zu zählen.
Da ging ihm die Geduld gänzlich aus.
Lügner ſeid ihr und Ehebrecher und Bäckerknechte alle zu⸗
ſammen! ſchalt er die Vögel. Schert euch zum Teufel!
Er ſpornte ſein Roß zum Trab. Der Wald ſchloß ſich dichter.
Jetzt zogen die Wolken herauf, ſchwer und dunkel, ſie zogen
gegen den Mond. Es ward ſtockfinſter; geiſterhaft ragten die
Tannen, alles lag ſchwarz und ſtill. Gerne hätte Herr Spazzo
itzt noch den Kuckuck gehört, der nächtliche Ruheſtörer war fort⸗
geflogen — da ward's dem Heimreitenden unheimlich; eine un⸗
geſtalte Wolke kam gegen den Mond geſchlichen und hüllte ihn
ganz ein, da fiel Herrn Spazzo ein, was ihm die Amme in
erſter Jugend erzählt, wie der böſe Wolf Hati und Managarm,
der Mondhund, dem leuchtenden Geſtirn nachjagen; er ſah
wieder auf, da ſah er den Wolf und den Mondhund deutlich am
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