Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 301
(PDF, 52 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Burkhard, der Kloſterſchüler. 301

Lied zu leſen, war zu ſpät; er hätte das im vorigen Herbſt
tun ſollen ...
Der Abend dunkelte.
Iſt Ekkehard heimgekehrt? fragte die Herzogin.
Nein, ſprach Praxedis, Herr Spazzo auch nicht.
Dann nimm den Leuchter, befahl Frau Hadwig, und trage
die Pergamentblätter auf Ekkehards Turmſtube. Er darf nicht
ununterrichtet bleiben von ſeiner Mitbrüder Werken.
Die Griechin gehorchte, aber unfroh. In der Turmſtube
droben war ſchwüle Hitze. Ungeordnet lagen Bücher und Ge⸗
rätſchaften umher. Auf dem Eichentiſch war das Evangelium
des Matthäus aufgeſchlagen: „Am Geburtsfeſt des Herodes
aber tanzte der Herodias Tochter vor der Geſellſchaft, und ſie
gefiel dem Herodes, daß er ihr mit einem Eidſchwur verhieß zu
geben, um was ſie bitten wollte, und ſie ſprach: Gib mir auf
einer Schüſſel den Kopf Johannes des Täufers!...“
Die prieſterliche Stola, Ekkehards Weihnachtgeſchenk von
der Herzogin, lag daneben, die goldgewirkten Franſen hingen
über das Fläſchlein mit Jordanwaſſer, das ihm der alte Thieto
einſt mitgegeben.
Da ſchob Praxedis alles zurück und legte Gunzos Epiſtel
auf den Tiſch; es tat ihr leid, wie ſie alles geordnet. Beim
Fortgehen wandte ſie ſich, tat das Fenſter auf, riß ein Zweig⸗
lein von dem üppig am Turm ſich emporſchlingenden Efeu⸗
gerank und warf's drüber hin.
Ekkehard war ſpät heimgekommen. Er hatte den wunden
Cappan gepflegt; noch größere Arbeit war es ihm, des Hun⸗
nen langes Ehgemahl zu tröſten. Nachdem das erſte Wehgeheul
verſtummt und ihre Tränen getrocknet, war bis nach Sonnen⸗
untergang ihre Rede nur ein einziger großer Fluch auf den
Kloſtermeier, und wenn ſie ihren ſtarken Arm gen Himmel hob
und von Augauskratzen und Bilſenkraut in die Ohren gießen
und Zähneeinſchlagen ſprach, und ihre braunen Zöpfe wild⸗
bedrohlich im Winde flatterten, ſo bedurfte es eindringlichen
Zuſpruchs, ſie zu beruhigen. Doch war's gelungen.
In der Stille der Nacht las Ekkehard die Blätter, die ihm


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