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304 Neunzehntes Kapitel.
Er ſtieg ſchwerfällig vom Roß und zog ſich in ſeine Ge⸗
mächer zurück. Der Bericht über ſeiner Sendung Erfolg blieb
unerſtattet. Praxedis ſchaute dem Kämmerer nach, ſie begriff
den Grund ſeiner bleiſchweren Gemütsſtimmung nicht ganz.
Habt Ihr noch nie davon erzählen gehört, daß einem ge⸗
ſetzten Manne Gras, Blumen und Klee und aller Kräuter Mei⸗
ſterſchaft, die Würze und aller Steine Kraft, der Wald und
alle Vögelein — nicht ſo zur Erquickung frommen als ein alter
Wein? ſprach Ekkehard zur Ergänzung. Aber ſchon der jüdiſche
Prophetenknabe ſprach zum König Darius, da die Kriegsleute
und Amtmänner aus Morgenland um den Thron ſtanden und
ſtritten, wer der ſtärkſte ſei: der Wein iſt der ſtärkſte, der über⸗
wältigt die Männer, die ihn trinken, und führt ihr Gemüte in
Irrtum.
Praxedis hatte ſich weggewendet und ſtand an den Zinnen
der Mauerbrüſtung.
Seht einmal hinunter, Sonne der Wiſſenſchaft, ſprach ſie
zu Ekkehard, was kommt dort für ein ſauber geiſtlich Männ⸗
lein gewandelt?
Ekkehard beugte ſich über die Mauer und ſchaute an der
ſenkrecht aufſtrebenden Felswand hinab. Zwiſchen den Stauden
am Burgweg wandelte ein braunlockiger Knabe; er trug ein
Mönchsröcklein, das bis an die Knöchel reichte, Sandalen am
nackten Fuß, einen ledernen Ranzen auf dem Rücken, den eiſen⸗
beſchlagenen Wanderſtab in der Hand. Ekkehard kannte ihn
noch nicht.
Nach einer Weile ſtand er am Burgtor.
Er hielt die Hand vor die Augen und ſchaute in das weite
ſchöne Land hinaus. Dann trat er in Hof und ging gemeſſenen
Schrittes auf Ekkehard zu.
Es war Burkhard, der Kloſterſchüler, Ekkehards Schweſter⸗
ſohn, der von Konſtanz herüberkam, ſeinem jungen Oheim
einen Ferienbeſuch abzuſtatten.
Er machte ein feierlich Geſicht und ſprach den Begrüßungs⸗
ſpruch, als hätte er ihn auswendig gelernt.
Ekkehard küßte den wohlerzogenen Schüler, der in den fünf⸗
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