http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0068
Burkhard, der Kloſterſchüler. 305
zehn Jahren ſeines Lebens noch keinen einzigen dummen Streich
begangen. Burkhard richtete Grüße von Sankt Gallen aus und
brachte eine Epiſtel Meiſter Ratperts, der ſich behufs verglei⸗
chender Studien von Ekkehard Auskunft erbat, in welcherlei
Faſſung und Wortlaut er gewiſſe ſchwierige Stellen im Vir⸗
gilius zu überſetzen pflege. Heil, Gedeihen und Fortſchritt in
der Erkenntnis ²²⁵)! lautete des Briefes Abſchiedsgruß.
Ekkehard begann ein langes Fragen nach ſeinen dortigen
Brüdern. Aber Praxedis fiel ihm in die Rede.
Laſſet doch den frommen jungen Mann ausruhen. Trockene
Zunge erzählt nicht gern. Komm mit mir, Männlein, du ſollſt
uns ein lieberer Beſuch ſein als der böſe Rudimann von Rei⸗
chenau.
Vater Rudimann? ſprach der Knabe, den kenne ich auch.
Woher? fragte Ekkehard.
Er iſt vor wenig Tagen bei uns geweſen und hat dem Abt ein
großes Schreiben überbracht und eine Schrift; es ſoll vieles über
Euch drin ſtehen, liebwerter Ohm, und nicht lauter Schönes.
Hört! ſprach Praxedis.
. . und wie er Abſchied genommen, iſt er nur bis zur Kirche
gegangen; dort hat er gebetet, bis daß es dunkel war. Er
muß aber alle Gänge und Schliche im Kloſter kennen, wie die
Glocke die Schlafſtunde angeläutet, iſt er heimlich und auf den
Zehen ins große Dormitorium geſchlichen, um zu lauſchen, was
die Brüder vor Einſchlafen über Euch und über das, was in
ſeiner Schrift ſtand, zuſammen ſprechen würden. Die Nacht⸗
kerze hat trüb geflackert, daß er im Verborgenen niederſitzen
konnte. Aber um Mitternacht iſt der Vater Notker Pfefferkorn
gekommen, der hat die Runde gemacht, nachzuſchauen, ob jeder
ſeinen Gürtel feſt ums Gewand geſchlungen, und ob kein Meſ⸗
ſer oder ſchädlich Gewaffen im Schlafgemach ſei. Der hat den
Fremden hervorgezogen aus ſeinem Verſteck, und die Brüder
ſind aufgewacht, und die große Abtslaterne iſt angezündet wor⸗
den, mit Stecken und Stangen und der ſiebenfältigen Geißel
aus der Geißelkammer ſind ſie herbeigeſprungen und war ein
großer Lärm und Geſchrei, trotzdem daß der Dekan und die Al⸗
Scheffel. V/VI. 20
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0068