Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 307
(PDF, 52 MB)
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Burkhard, der Kloſterſchüler. G 307

Sie ſprang zur Küche und ließ den gelehrten Neffen Ekke⸗
hards im Geſpräch mit ſeinem Oheim unter der Linde zurück.
Der plauderte denn ein Namhaftes von Trivium und Quadri⸗
vium; weil gerade der Fels von Hohentwiel im Morgenlicht
einen feingezeichneten Schatten über das flache Land warf, er⸗
ging ſich der Kloſterſchüler in einer weitläufigeren Disputation
über den Grund des Schattens, als welchen er mit Sicherheit
einen dem Licht entgegenſtehenden Körper bezeichnete und alle
andere Definitionen in ihrer Nichtigkeit nachwies.
Wie ein Springquell entſtrömte dem jugendlichen Munde
die Flut der Wiſſenſchaft. Auch in der Aſtronomie war er be⸗
wandert; das Lob Zoroaſters von Baktrien und des Königs
Ptolemäus von AÄAgyptenland mußte der Oheim geduldig an⸗
hören, über Form und Verwendung des Aſtrolabiums ward
ihm ſcharf auf den Zahn gefühlt ²²7); auch begann der braun⸗
gelockte Schweſterſohn auseinander zu ſetzen, wie faſelnd die
Meinung derer ſei, die da glauben, daß auf der Rückſeite des
Erdglobus das ehrenwerte Geſchlecht der Antipoden ²28) hauſe
— vor fünf Tagen hatte er all die ſchönen Sachen gelernt:
Aber ſchließlich erging es dem Oheim wie dem tapfern Kaiſer
Otto, da der weltweiſe Biſchof Gerbert von Rheims und Otrich,
der Domſchulmeiſter von Magdeburg, vor ihm und viel hundert
gelahrten Äbten und Scholaſtern ihren Wettkampf über Ein⸗
teilung und Grund der theoretiſchen Philoſophie ²29) abhielten
— er gähnte.
Jetzt kam Praxedis mit einem herrlichen Kirſchkuchen und
einem Körbchen Früchte, das gab den Gedanken des fünfzehn⸗
jährigen Weltweiſen eine Wendung zum Natürlicheren; als
wohlerzogener Knabe ſprach er erſt den Hymnus ²³⁰) vor dem
Eſſen, wie er in der Kloſterſchule üblich, dann vertiefte er ſich
ganz in des Kuchens Aufzehrung und überließ die Frage von
den Antipoden einer ſpäteren Zukunft...
Praxedis wandte ſich zu Ekkehard: Die Herzogin läßt Euch
kund tun, ſprach ſie mit verſtelltem Ernſt, daß ſie geſonnen,
zum Studium des Virgilius zurückzukehren; ſie iſt begierig
zu vernehmen, wie der Königin Dido Geſchicke ſich weiter ab⸗
20 *


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