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308 Neunzehntes Kapitel.
ſpinnen. Heute abend beginnen wir; Ihr ſollt ein freundlich
Geſicht dazu machen, fuhr ſie leiſeren Tones fort, es iſt eine
zarte Aufmerkſamkeit, Euch zu beweiſen, daß trotz der Schriften
gewiſſer Herren das Vertrauen auf Eure Wiſſenſchaft nicht ge⸗
ſchwunden.
Es war ſo. Ekkehard aber erſchrak. Wieder in der alten
Weiſe mit den zwei Frauen zuſammen zu ſein: ſchon der Ge⸗
danke tat ihm weh. Er konnte noch immer nicht vergeſſen, daß
einſt ein Karfreitagmorgen geweſen.
Da ſchlug er ſeinen Neffen auf die Schulter, daß der zu⸗
ſammenfuhr. Du kommſt hier nicht in die Ferien zum Fiſch⸗
fangen und Vogelſtellen, Burkhard! ſprach er, heute nach⸗
mittag leſen wir Virgil mit der gnädigen Herzogin, du wirſt
dabei ſein.
Er gedachte den Knaben als ſchirmende Abwehr zwiſchen
die Herzogin und ſeine Gedanken zu ſtellen.
Wohl! ſprach Burkhard mit kirſchrotblauen Lippen, Vir⸗
gilius iſt mir lieber als Jagen und Reiten, und ich werd' die
Frau Herzogin bitten, mir von ihrem Griechiſchen etwas zu
lehren. Nach jenem Beſuch, wo ſie Euch mit fortgenommen,
haben die Kloſterſchüler oftmals geſagt, ſie wiſſe mehr griechiſch
als alle ehrwürdigen Väter des Kloſters zuſammen, ſie habe
es durch Zauberei erlernt... Und wenn ich auch im Grie⸗
chiſchen der erſte bin ...
Dann kann dir's nicht fehlen, daß du in fünf Jahren Abt
und in zwanzig Jahren heiliger Vater zu Rom wirſt, ſprach
Praxedis ſpottend. Einſtweilen fließt dort der Burgbrunnen,
das Blau deiner Lippen zu tilgen ...
Um die vierte Abendſtunde harrte Ekkehard im ſäulengetra⸗
genen Gemach ſeiner Gebieterin, die Leſung der Aneide wieder
aufzunehmen. Über ein halb Jahr war abgelaufen, daß Vir⸗
gilius Ruhe gehabt. Ekkehard war beklommen, er hatte die
Fenſter weit aufgetan. Wohltuende Kühle des Abends ſtrömte
herein.
Der Kloſterſchüler blätterte in der lateiniſchen Handſchrift.
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