Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 309
(PDF, 52 MB)
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Burkhard, der Kloſterſchüler. 309

Wenn die Herzogin mit dir ſpricht, ſei fein artig, ſprach
Ekkehard.
Er aber antwortete mit Selbſtgefühl: Mit einer ſo vorneh⸗
men Frau red' ich nur in Verſen. Sie ſoll ſich überzeugen, daß
ein Zögling der inneren Schule vor ihr ſteht.
Jetzt trat die Herzogin ein, gefolgt von Praxedis. Sie
grüßte mit leichtem Kopfnicken. Ohne daß ſie Ekkehards hoff⸗
nungsvollen Neffen zu bemerken ſchien, ließ ſie ſich im ſchnitz⸗
werkverzierten Lehnſtuhl nieder. Burkhard hatte ſich zierlich
verneigt und ſtand am Ende des Tiſches.
Ekkehard ſchlug den Virgilius auf. Da fragte die Herzogin
gleichgiltigen Tones: Was ſoll der Knab?
Ein demütiger Zuhörer, ſprach Ekkehard, dem die Sehn⸗
ſucht, das Griechiſche zu erlernen, Mut gibt, ſo erlauchter
Lehrerin ſich zu nahen. Er wird glücklich ſein, wenn er von
Eueren Lippen ...
Aber bevor Ekkehard ſeine Rede geendet, war Burkhard vor
die Herzogin getreten, befangen und keck zugleich ſprach er mit
niedergeſchlagenen Augen und genauer Betonung des Silben⸗
maßes:

Esse velim Graecus, cum vix sim, dom'na, Latinus *) 231).

Es war ein tadelloſer Hexameter.
Frau Hadwig hörte ihm halb erſtaunt zu. Ein braunlockiger
Knabe, der einen Hexameter ſprach, war in alemanniſchen
Landen etwas Ungewohntes. Und er hatte ihr zu Ehren die
Daktylen und Spondäen aus dem Stegreif erſonnen. Darum
ergötzte ſie ſich an dem jungen Verſeſchmied.
Laß dich einmal näher beſchauen, ſprach ſie und zog ihn zu
ſich. Er gefiel ihr; es war ein lieblich Knabenantlitz, durch⸗
ſichtig Rot auf den Wangen, ſo fein und zart, daß das blaue
Geäder in leichtem Umriß drunter zu erſchauen war, üppig
wallten die Locken um die Stirn, eine kecke Adlernaſe ragte über
den gelehrten jungen Lippen wie ein Hohn auf das, was unter
ihr geſprochen werde, in die Luft. Da ſchlang Frau Hadwig

*) Der ich kaum ein Lateiner bin, ein Grieche möcht' ich werden.


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