Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 310
(PDF, 52 MB)
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310 L Neunzehntes Kapitel.

ihren Arm um den Knaben, hob ihn empor und küßte ihn auf
Lippe und Wange und tat ſchier kindiſch mit ihm; dann ſchob
ſie den gepolſterten Schemel hart an ihre Seite und ſetzte ihn
drauf: Einſtweilen ſollſt du von meinen Lippen etwas anderes
pflücken als griechiſch, ſprach ſie ſcherzend und küßte ihn noch
einmal, — jetzt ſei aber ſo brav wie vorhin und ſag' ſchnell
noch ein paar leichthingleitende Verſe.
Sie ſtrich ihm die Locken zurück. Der Kloſterſchüler war
errötet, aber ſeine Metrik kam durch einer Herzogin Kuß nicht
aus der Faſſung. Ekkehard war ans Fenſter getreten und
ſchaute nach den Alpen, Burkhard aber ſprach, ohne ſich zu
beſinnen:

Non possum prorsus dignos componere versus,
Nam nimis expavi duce me libante suavi*).

Es waren wiederum zwei tadelloſe Hexameter.
Die Herzogin lachte laut auf: Du haſt ſicher ſchon das Licht
der Welt mit lateiniſchem Vers begrüßt; das klingt und ſtrömt
ja, als wäre Virgil aus dem Grabe geſtiegen. Warum erſchrickſt
du denn, wenn ich dich küſſe?
Weil Ihr ſo vornehm und ſtolz und ſchön ſeid, ſprach der
Knabe.
Sei zufrieden, entgegnete die Herzogin, wer mit friſch glü⸗
hendem Kuß auf den Lippen ſo regelrechte Verſe aus dem
Ärmel ſchüttelt, dem hat der Schreck nicht tief ins Herz ge⸗
ſchlagen. Sie ſtellte ihn ſich gegenüber. Warum begehrſt du ſo
eifrig, das Griechiſche zu erlernen?
Sie ſagen, wenn einer griechiſch verſteht, kann er ſo geſcheit
werden, daß er das Gras wachſen hört, war des Kloſterſchülers
Antwort. Seit mein älterer Mitſchüler Notker mit der großen
Lippe ſich gerühmt hat, er wolle dereinſt den ganzen Ariſtoteles
auswendig lernen und verdeutſchen, läßt mir's keine Ruhe
mehr.

*) Ich finde keinen Vers mehr, es ſtockt der Rede Fluß,
Zu tief hat mich erſchreckt der Herrin ſüßer Kuß.


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