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312 Neunzehntes Kapitel.
Das mag Virgilius verantworten, ſprach Ekkehard. Die
Geſchichte wird's ihm ſo überliefert haben.
Dann lebt jetzt ein ſtärker Frauengeſchlecht, ſagte die Her⸗
zogin und winkte ihm weiterzuleſen. Sie war faſt beleidigt von
Virgilius' Schilderung, vielleicht daß ſie ſich ſelber didoniſcher
Anwandlungen erinnerte. Es war nicht immer geweſen wie
heute.
Und er las, wie Anna der Schweſter zuſprach, nicht ver⸗
geblich wider gefällige Liebe zu ſtreiten, wie an der Götter
Altären Friede und Heil durch Opfer erfleht wird, dieweil die
geſchmeidige Flamme fortzehrt im Mark und die alte Wunde
nicht vernarbt. Und wieder will die Betörte von den Kämpfen
um Ilium vernehmen und hängt am Mund des Erzählers —
Wenn ſie darauf ſich getrennt und ihr Licht die erdunkelnde
una
Jetzo geſenkt und zum Schlaf die ſinkenden Sterne ermahnen,
Trauert ſie einſam im leeren Gemach — aufs verlaſſene Lager
Wirft ſie ſich, jenen entfernt den Entferneten hört ſie und
ſchaut ſie.
Oft den Ascanius auch, von des Vaters Bilde bezaubert,
Hält ſie im Schoß, um zu täuſchen die unausſprechliche Liebe.
Ein leiſes Kichern unterbrach die Vorleſung. Der Kloſter⸗
ſchüler war aufmerkſam zu der Herzogin Füßen geſeſſen, ſchier
angeſchmiegt an ihr wallend Gewand; jetzt hatte er gekämpft,
ein aufſteigend Lachen zu unterdrücken, es mißlang, er platzte
heraus und hielt die Hände vergeblich vors Antlitz, ſich zu
decken.
Was gibt's, junger Verſemacher? ſprach Frau Hadwig.
Ich habe denken müſſen, ſprach der Junge verlegen, wenn
meine hohe Herrin die Königin Dido wäre, ſo wär' ich vorhin
der Ascanius geweſen, da Ihr mich zu herzen und küſſen ge
ruhtet. L
Die Herzogin ſchaute ſcharf auf den Knaben herab. Will
man ungezogen werden? Kein Wunder — ſchalt ſie mit einem
Fingerzeig auf ſeine Locken, die junge Altklugheit trägt ja ſchon
graue Haare auf dem Scheitel.
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