Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 313
(PDF, 52 MB)
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Burkhard, der Kloſterſchüler. 313

.. . Das iſt von der Nacht, da ſie den Romeias erſchlugen,
wollte der Kloſterſchüler ſagen.
Das iſt vom Fürwitz, der törichte Dinge redet, wo er ſchwei⸗
gen ſollte, fuhr die Herzogin drein. Steh auf, Schülerlein!
Burkhard erhob ſich vom Schemel und ſtand errötend vor ihr.
So, ſprach ſie, jetzt geh zu der Jungfrau Praxedis und melde
ihr, es müßten dir zur Strafe alle grauen Haare abgeſchnitten
werden, und bitte ſchön, daß ſie dir's tue. Das wird gut ſein
für unzeitig Lachen.
Dem Knaben ſtanden die hellen Tränen in den Augen. Er
wagte keine Widerrede. Er ging zu Praxedis hin, die hegte
Teilnahme für ihn, ſeit ſie gehört, daß er des Romeias Ge⸗
fährte bei ſeinem letzten Gang geweſen: Ich tu' dir nicht weh,
kleiner Heiliger, flüſterte ſie ihm zu und zog ihn zu ſich. Das
junge Haupt in ihren Schoß gebeugt, mußte er vor ihr knien,
da griff ſie eine mächtige Schere aus ihrem ſtrohgeflochtenen
Nähkorb und vollzog die Strafe.
Betrüblich klang erſt des Kloſterſchülers Schluchzen, — wer
ſein Haupthaar von fremder Hand berühren ließ, galt eigent⸗
lich für ſchwer beſchimpft 2²) — aber Praxedis' weiche Hand fuhr
ihm ſtreichelnd über die Wangen, nachdem ſie das Gelock zer⸗
zauſt hatte, da ward ihm bei aller Strafe ſo ſeltſam zu Mut,
daß ſein Mund lächelnd die letzte niederrollende Träne auffing.
Ekkehard ſah eine Weile ſtumm vor ſich hin. Das Spiel
leichtfertiger Anmut machte den Traurigen trauriger. Er war ver⸗
letzt, daß die Herzogin ſo ſein Leſen unterbrochen. Aus ihren
Augen las er keinen Troſt: ſie ſpielt mit dir, wie ſie mit dem
Knaben ſpielt, dachte er und ſchlug ſeinen Virgilius zu und
erhob ſich.
Ihr habt recht, ſprach er zu Frau Hadwig, es iſt alles falſch.
Dido ſollte lachen und Aneas ſollte hingehen und ſich ins
Schwert ſtürzen, dann wäre es richtig.
Sie blickte unſtet auf. Was habt Ihr? fragte ſie.
Ich kann nicht weiter leſen, erwiderte er.
Die Herzogin war aufgeſtanden.
Wenn Ihr nicht mehr leſen möget, ſprach ſie mit ſcheinbar


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