Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 319
(PDF, 52 MB)
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Von deutſcher Heldenſage. 319

ſtieg ſie zur Laube hinab. Blendend rauſchte die ſtolze Er⸗
ſcheinung einher; ſie hatte ein weites Gewand umgetan, Saum
und Ärmel mit ſchimmerndem Gold durchſtickt, ein ſtahlgrauer
mantelartiger üÜberwurf wallte bis zum Boden herab, von
edelſteinbeſetzten Agraffen gehalten; übers Haupt trug ſie ein
ſchleierartig Gewebe, licht und durchſichtig, von güldenem
Stirnband anſchmiegend zuſammengefaltet. Sie griff eine Roſe
aus Burkhards Strauß und heftete ſie zwiſchen Band und
Schleier.
Der Kloſterſchüler, der ſchon nahe daran war, Klaſſiker und
freie Künſte zu vergeſſen, hatte ſich die Gnade erbeten, der
Herzogin Schleppe zu tragen, und ihr zu Ehren ein Paar aben⸗
teuerliche Schnabelſchuhe, an beiden Seiten mit Ohren verſehen,
angelegt ²36) und machte ſich verſchiedene Gedanken über das
Glück, einer ſolchen Gebieterin als frommer Edelknabe zu
dienen.
Praxedis und Herr Spazzo traten mit ein. Die Herzogin
ſchaute ſich flüchtig um: Iſt Meiſter Ekkehard, zu deſſen Be⸗
lehrung wir den Abend geordnet, unſichtbar?
Er war nicht erſchienen.
Mein Oheim muß krank ſein, ſprach Burkhard. Er iſt geſtern
abend mit großen Schritten in ſeiner Turmſtube auf und nieder
gegangen, und wie ich ihm die Sternbilder vor dem Fenſter
erklären wollt', den Bär und Orion und den mattſchimmernden
Fleck der Plejaden, hat er mir keine Antwort gegeben. Dann
hat er ſich angekleidet aufs Lager geworfen und im Schlaf
geſprochen.
Was hat er geſprochen? fragte die Herzogin.
Meine Taube, hat er geſagt, die du in den Spalten der
Felſen dich verbirgſt und den Ritzen des Geſteines, zeig' mir
dein Angeſicht, laß deine Stimme klingen in meine Ohren, denn
die Stimme iſt ſüß und dein Angeſicht ſchön; und ein andermal
hat er geſagt: Warum küſſeſt du den Knaben vor meinen
Augen? was hoff' ich und ſäum' ich noch in libyſchen Landen?
Da ſchaut's gut aus, flüſterte Herr Spazzo der Griechin
zu, habt Ihr das auf dem Gewiſſen?


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