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32²⁰ Zwanzigſtes Kapitel.
Die Herzogin aber ſprach zu Burkhard: Du wirſt ſelber ge⸗
träumt haben. Spring' hinauf und ſuch' deinen Ohm, daß er
herunterſteige, wo wir ſeiner warten.
Sie ließ ſich anmutig auf dem thronartigen Sitz nieder. Da
kam Ekkehard mit dem Kloſterſchüler in den Garten. Er ſah
blaß aus; ſein Blick war unſtet und trüb. Er neigte ſich ſtumm
und ſetzte ſich an des Tiſches entgegengeſetzt Ende. Burkhard
wollte ſeinen Schemel zu Füßen der Herzogin rücken wie ge⸗
ſtern, da ſie Virgil laſen, aber Ekkehard ſtund auf und zog ihn
an der Hand zu ſich herüber. Hierher! ſprach er. Die Her⸗
zogin ließ ihn gewähren.
Sie ſchaute in die Runde. Wir haben geſtern behauptet,
ſprach ſie, daß wir in unſern deutſchen Sagen und Geſchichten
ſo viel ſchöne Gelegenheit zu Kurzweil beſitzen als weiland
die Römer in ihrem Heldenlied vom AÄneas. Und ſicher weiß
ein jedes von uns etwas von ſchneller Helden Fechten und
feſter Burgen Brechen, von treuer Liebſten Scheidung und rei⸗
cher Könige Zergängnis; des Menſchen Herz iſt mannigfach
geartet, was der eine ſeitab liegen läßt, mutet den andern
an. Darum haben wir die heutige Tagfahrt geordnet, daß von
jedem unſerer Getreuen, wie das Los entſcheidet, ein anmutig
Stück erzählt werde, und behalten uns vor, dem liebreizend⸗
ſten einen Preis auszuſetzen. Siegt einer von euch Männern, ſo
mög' er das uralte Trinkhorn gewinnen, das aus König Da⸗
goberts Zeiten her droben im großen Saal hängt; ſiegt meine
treue Praxedis, ſo wird ein Schmuckſtück ihrer harren. Halm⸗
zug beſtimme den Anfang!
Praxedis hatte vier Grashalme von verſchiedener Länge
geordnet und reichte ſie der Herzogin.
Soll ich für den jungen Verskünſtler auch ein Hälmlein
beifügen? fragte ſie.
Aber Burkhard ſprach mit weinerlicher Stimme:
Ich bitt' Euch, verſchonet mich. Denn wenn meine Lehrer
in Sankt Gallen erfahren möchten, daß ich mich wiederum an
unnützen Mären ergötzt, ſo würd' ich geſtraft wie damals, als
wir auf Romeias' Wächterſtube die Geſchichte vom alten Hilde⸗
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