Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 326
(PDF, 52 MB)
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326 Zwanzigſtes Kapitel.

Ein Geräuſch unterbrach Herrn Spazzo. Praxedis hatte zur
Herzogin aufgeſchaut, ob ſie nicht etwa errötend aufſpringen
und Herrn Spazzo den Mund ſchließen ſolle; doch aus dem
ſtrengen Antlitz war nichts zu leſen. Darum trommelte ſie
ungeduldig mit den Fingern auf ihrer Laute.
. . . und es war eine Gewalttat geſchehen, fuhr Herr Spazzo
unbeirrt fort. Da hub Weland ein Singen und Jodeln an, wie
die Waldſchmiede es nimmer gehört, ſeit ihm die Sehnen zer⸗
ſchnitten worden. Dann ließ er Schwerter und Schilde un⸗
vollendet und ſchmiedete Tag und Nacht und ſchmiedete zwei
große Flügel und war kaum fertig, ſo kam Elberich mit Hee⸗
resmacht den Brenner herabgeritten. Da band ſich Weland die
Flügel an und hing ſein Schwert Mimung um und trat auf
die Zinne, daß die Leute riefen: Sehet, der Weland iſt ein
Vogel worden!
Er aber rief mit ſtarker Stimme vom Turm: Behüt Euch
Gott, König Elberich! Ihr werdet des Schmiedes gedenken.
Den Sohn hat er erſchlagen, die Tochter trägt ein Kind von
ihm. Ade, ich laß ſie grüßen! rief's, und ſeine ehernen Flügel
hoben ſich und rauſchten wie Sturmwind, und er fuhr durch
die Lüfte. Der König griff ſeinen Bogen, und alle Ritter
ſpannten in grimmer Eil'; wie ein Heer fliegender Drachen
ſchoſſen die Pfeile ihm nach, doch Weland hob die Schwingen,
kein Eiſen traf ihn nicht, und flog heim nach Schonen auf
ſeines Vaters Schloß und ward nicht mehr geſehen. Und El⸗
berich hat ſeiner Tochter den Gruß nicht ausgerichtet. Sie
aber genas noch in demſelben Jahrgang eines Knaben, der
hieß Wittich und ward ein ſtarker Held, wie ſein Vater.
Das iſt der Mär' von Weland Ende ²³8)!
Herr Spazzo lehnte ſich zurück und tat einen langen behag⸗
lichen Atemzug. Ein zweitesmal werden ſie mich in Ruhe
laſſen, dachte er. Der Eindruck des Erzählten war verſchieden.
Die Herzogin ſprach ſich lobend aus, des Schmiedes Rache mu⸗
tete ſie an; Praxedis ſchalt, es ſei eine rechte Grobſchmieds⸗
geſchichte, man ſollte dem Kämmerer verbieten, ſich noch vor
Frauen ſehen zu laſſen. Ekkehard ſprach: Ich weiß nicht, mir


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