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Von deutſcher Heldenſage. 327
iſt, als hätt' ich Ähnliches gehört, aber da hieß der König
Nidung und die Schmiedewerkſtätte ſtand am Kaukaſus.
Da rief der Kämmerer zürnend: Wenn Euch der Kaukaſus
vornehmer iſt wie Gloggenſachſen, ſo mögt Ihr's dorthin ver⸗
legen; ich weiß noch recht wohl, wie mir mein Tiroler Freund
den Ort genau gewieſen ²39). Über der Kammertür war eine
geknickte Roſe, von Erz geſchmiedet, und auf dem Turm ein
eiſerner Adlerflügel und ſtand eingegraben: hie flog der
Schmied von dannen. Dann und wann kommen Leute hinab⸗
gewallfahrtet und beten und glauben, der Weland ſei ein großer
Heiliger geweſen ²40).
Laſſet ſehen, wer Herrn Spazzo den Preis jetzt ſtreitig
machen ſoll, ſprach die Herzogin und miſchte die Loſe. Sie
zogen. Der kleinſte Halm blieb in Praxedis Hand. Die tat
weder verlegen, noch bat ſie um Nachſicht; ſie fuhr mit der
weißen Hand über die dunkeln Haarflechten und begann:
Mir haben zwar die Ammen keine Wiegenlieder von alten
Recken geſungen, und in Waldſchmieden bin ich, Gott ſei es
gedankt, niemalen eingekehrt, aber ſelbſt in Konſtantinopel
geht die Rede von ſolcherlei Abenteuer. Und wie ich am Kaiſer⸗
hof unterwieſen ward in allen Künſten, die dienenden Maiden
wohl anſtehen, da war eine alte Schlüſſelverwahrerin, die hieß
Glycerium, die ſprach oft zu uns:
Höret, Mägdlein, ſo ihr je einer Prinzeſſin dienet, und ihr
Herz iſt in heimlicher Minne entbrannt, und ſie kann den nicht
ſehen, den ſie begehrt, ſo müſſet ihr ſchlau ſein und bedachtſam
wie die Kammerfrau Herlindis, da der König Rother um des
Kaiſers Konſtantinus Tochter geworben. Und wenn wir im
Frauenſaal beiſammen ſaßen, da ward gewiſpert und geflüſtert,
bis Glycerium, die Alte, erzählte vom König Rother.
Vor alten Zeiten ſaß in der Meerburg am Bosporus der
Kaiſer Konſtantinus, der hatte eine wunderbar ſchöne Tochter,
und die Leute ſprachen von ihr, ſie ſei ſtrahlend wie der Abend⸗
ſtern und leuchte unter allen Maiden wie der Goldfaden in der
Seiden. Da kam eines Tages ein Schiff gefahren, draus ſtiegen
zwölf edle Grafen und zwölf Ritter und ritten in Konſtantinus'
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