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330 Zwanzigſtes Kapitel.
Kammerfrau: O weh mir! wie ſoll ich es anfangen, daß ich
desſelben Herrn anſichtig werde, den ſie alle preiſen?
Herlindis aber entgegnete: Nun bitte deinen Vater, daß er
ein Freudenfeſt gebe am Hofe und den Helden dazu lade, ſo
magſt du ihn am beſten erſehen.
Die Kaiſertochter tat nach Herlindis' Rat, und Konſtantinus
nickte ihr zu und entbot ſeine Herzoge und Grafen zum Hippo⸗
dromushofe und die fremden Helden dazu. All die Geladenen
kamen, da hob ſich ein unſäglich Gedränge um den, den ſie
Dieterich nannten, und wie die Kaiſertochter mit ihren hundert
Frauen eintrat, geziert mit güldener Krone und gold⸗ und
cyklatgeſticktem Mantel, brach gerade ein ungefüger Lärm aus:
Asprian, den Rieſen, hatte ein Kämmerer auf ſeiner Bank
rücken geheißen, daß andere Leute auch Platz bekämen, da
ſchlug Asprian dem Kämmerer einen Ohrſchlag, daß ihm der
Kopf entzwei brach, und es gab ein bös Durcheinander, ſo daß
Dieterich Ruhe ſtiften mußt'.
Darum konnte die Kaiſertochter des Helden nicht anſichtig
werden und hätte ihn doch ſo gern geſehen.
Da ſprach ſie daheime wieder zu Herlindis: O weh mir,
nun hege ich Tag und Nacht Sorgen und habe keine Ruh', bis
meine Augen den tugendſamen Mann erſchaut. Der möcht'
einen ſchönen Botenlohn verdienen, der mir den Helden zur
Kammer führen wollt'.
Herlindis aber lachte und ſprach: Den Botengang will ich
in Treuen tun, ich geh' zu ſeiner Herberg. Und die Vielſchlaue
legte ihr zierlichſtes Gewand an und ging zu dem Herrn Die⸗
terich. Der empfing ſie frömmiglich, und ſie ſetzte ſich viel nahe
zu ihm und ſprach ihm ins Ohr: Meine Herrin, des Kaiſers
Tochter, entbeut dir viel holde Minne; ſie iſt der Freundſchaft
zu dir untertan, du ſollſt dich aufmachen und hingehen zu ihr.
Aber Dieterich ſprach: Frau, du ſündigeſt dich. Ich bin in
andern Tagen zu mancher Kemenate gegangen, da es wohl
ſein mocht', was ſpotteſt du itzt des heimatloſen Mannes? An
des Kaiſers Hofe iſt edler Herzoge und Fürſten eine große Zahl:
nie gedachte deine Frau der Rede.
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