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Von deutſcher Heldenſage. 331
Und als Herlindis ihm inniglich zuredete, ſagte Herr Die⸗
terich: Hier ſind der Merker ſo viele; wer ſeine Ehr' behalten
will, muß wohlgezogen tun; Konſtantinus möcht' mir das
Reich verbieten. Darum wär' es mißhellig, ſo ich deine Frau
ſehen wollte. Vermelde ihr das, ſo ſehr ich ihr zu dienen gehre.
Herlindis wollte von dannen gehen, da hieß der König ſeine
Goldſchmiede zwei Schuhe gießen von Silber und zwei von
Golde und ſchenkte ihr von jedem Paär einen, dazu einen
Mantel und zwölf güldene Spangen, denn er war artigen Ge⸗
mütes und wußte, daß man einer Fürſtin Kammerfrau, die in
Sachen der Minne Botengang tut, wohl ehren ſoll.
. . . Praxedis hielt eine Weile an, denn Herr Spazzo, der
ſeit einiger Zeit mit ſeines Schwertes Scheide viel großnaſige
Geſichter in den Sand gezeichnet, hatte ein vernehmlich
Räuſpern erhoben. Da er aber keine weitere Einſprache tat,
fuhr ſie fort:
L „Und Herlindis ſprang fröhlich heim und ſprach zu Hauſe
zu ihrer Herrin: Hart und fleißig pflegt der gute Held ſeiner
Ehren, ihm iſt des Kaiſers Huld zu lieb. Aber ſchauet her, wie
er mir Liebes tat: die Schuhe, den Mantel, die zwölf Spangen:
o wohl mir, daß ich zu ihm kam! Ich mag wohl auf der
weiten Erde keinen ſchöneren Ritter erſchauen. Gott verzeih'
mir, daß ich ihn angaffete, als wär' er ein Engel.
O weh mir! ſprach die Kaiſertochter, ſoll ich denn nimmer⸗
mehr ſelig ſein? So ſollſt du mir zum mindeſten die Schuhe
geben, die dir des edlen Degen Huld verlieh, ich füll' ſie dir
mit Golde.
Da ward der Kauf geſchloſſen: Sie zog den güldenen Schuh
an und nahm auch den ſilbernen, doch der ging an denſelben
Fuß. O weh mir ! klagte die Holde, es ward ein Mißgriff ge⸗
tan, ich bring ihn nimmer an, du mußt wiederum gehen und
Herrn Dieterich bitten, daß er dir den andern gebe und ſelber
komme.
Das wird die Läſterer freuen, lachte Herlindis. Was tut's?
Ich gehe — und ſie hob ihr Gewand ſchier bis ans Knie und
ſchritt, als hätte ſie fraulichen Ganges vergeſſen, über den
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