Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 6: Ekkehard. 2. Teil.)
[1916]
Seite: 334
(PDF, 52 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw6/0098
334 Zwanzigſtes Kapitel.

Da küßte des Kaiſers Tochter den Helden, und er ſchied mit
Ehren aus ihrer Kemenaten und ging auf ſeine Herberge und
war ihm gar wonniglich zu Mute. Als aber der Morgen
graute, nahm die Jungfrau einen Stab und ſchlüpfte in ein
ſchwarz Trauergewand und legte einen Pilgerkragen über die
Achſel, als wolle ſie aus dem Land abſcheiden, und ſah bleich
und betrübt drein und ging zum Kaiſer Konſtantinus hinüber,
klopfte an ſeine Türe und ſprach liſtig zu ihm: Mein lieber
Herr Vater, nun muß ich bei lebendem Leib ins Verderben.
Mir iſt gar elend, wer tröſtet meine Seele? Im Traum treten
die eingekerkerten Boten des König Rother vor mich und ſind
abgezehrt und elend und laſſen mir keine Ruhe; ich muß fort,
daß ſie mich nimmer quälen, es ſei denn, Ihr laſſet mich die
Armen mit Speiſung, Wein und Bad erquicken. Gebet ſie
heraus, wenn auch nur auf drei Tage.
Da antwortete der Kaiſer: Das will ich dulden, ſo du mir
einen Bürgen ſtelleſt, daß ſie am dritten Tage wieder nieder⸗
ſteigen zum Kerker.
Dieweil man nun zu Tiſche ging im Kaiſerſaal, kam auch
der vermeinte Herr Dieterich mit ſeinen Mannen, und als die
Mahlzeit vollendet und man die Hände wuſch, ging die Jung⸗
frau um die Tiſche, als wolle ſie unter den reichen Herzogen
und Herrn den Bürgen ſuchen, und ſprach zu Dieterich: Nun
gedenke, daß du mir aus der Not helfeſt, und nimm die Boten
auf dein Leben.
Er aber ſprach: Ich bürge dir, du allerſchönſte Maid.
Und er gab dem Kaiſer ſein Haupt zum Pfand, und der
Kaiſer ſchickte ſeine Mannen mit ihm, daß ſie den Kerker öffneten.
Drin lagen die Geſandten elend und in Unkräften. Als man
die Kerkertüren einbrach, ſchien der helle Tag ins Verließ,
der blendete die Armen, denn ſie waren ſein nicht mehr ge⸗
wohnt. Da nahmen ſie die zwölf Grafen und ließen ſie aus
dem Kerker gehen; jedwedem folgte ſein Rittersmann, und das
Gehen fiel ihnen ſauer. Voran ſchritt Lupolt, ihr Führer, der
hatte ein zerriſſen Schürzlein um die Lenden geſchlungen, und
ſein Bart war lang und ſtruppig, der Leib aber zerſchunden.


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